Josefstadt: "Amadeus", überraschend frisch

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Herbert Föttinger und Florian Teichtmeister sorgen in Janusz Kicas Regie für eine humorvolle, leicht kafkaeske Wiederbelebung von Peter Shaffers Mozart-Stück.

Warum spielt die Josefstadt Peter Shaffers „Amadeus“, dieses 30 Jahre alte spekulative Drama, das wohl kaum einer nicht kennt, vor allem dank des ausgezeichneten Films von Miloš Forman (1984)? Die Dramaturgie wirkt leicht angegraut, die Geschichte vom Hofkompositeur Salieri, der das Genie Mozart systematisch zerstört, bei Weitem nicht mehr so originell wie Ende der Siebzigerjahre.

Vielleicht wollte man die Abonnenten zum Saisonschluss mit etwas Konservativem erfreuen? Aber Janusz Kicas Inszenierung ist gar nicht konservativ – und schon bald nach dem Beginn der Aufführung, die Donnerstagabend Premiere hatte, ist die Skepsis verflogen. Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger ist einmal in einer ungewöhnlichen Rolle zu sehen: Das Alter scheint ihn jäh ereilt zu haben. Geradezu unheimlich sieht er aus mit seinem halb kahlen Kopf, um den ein paar dünne weiße Fäden fliegen. Der schwarze Anzug spannt sich unvorteilhaft über ein Schmerbäuchlein, das der Hofkomponist Salieri seiner Leidenschaft für Venusbrüstchen und Sorbet zu verdanken hat.

Klar, F. Murray Abraham, der Film-Salieri, bleibt unvergessen in seiner listigen Verwandlungskunst. Aber dieser grindige Eiferer, der von den Feldern eines befremdlicherweise in der Lombardei liegenden Lignano in die Kaiserstadt Wien gelangt, dort seinen Glauben an Gott, an sich selbst und seine Kunst verliert, wirkt tausendmal echter.

Alexander Waechter als perfekter Joseph II.

Florian Teichtmeister zeigt einen Mozart voll jäher Brüche. Dieser magere Mensch wird von seiner Genialität und seinem exzessiven Leben aufgezehrt. Er wirkt weniger originell als Föttingers Salieri, aber auch hier hat Kica klug gelenkt: Dieser Mozart ist kein irrer Kretin, sondern ein Mensch, dessen jugendlicher Ungestüm von der Umwelt zerstört wird, der sich mit Verbalinjurien wehrt und dabei immer schwächer wird.

Vollends wunderbar ist Alexander Waechters Kaiser Joseph II., präzis und treffend gezeichnet bis in die Sprachmelodie und die Körpersprache. Hier wird kein Habsburger denunziert oder behübscht, hier steht eine runde, facettenreiche Figur auf der Bühne, die in kürzesten Auftritten plastisch wird.

Daniela Golpashin als Konstanze Mozart wirft ihrem Wolferl fortwährend sein kindisches Wesen vor, ist aber genau so wie er, höchstens eine Spur schlauer – und anders als im Film ohne Süße. In ihrem aufstampfenden Trotz liegt die ganze Ausweglosigkeit eines Frauenlebens der damaligen Zeit. Berührend, wie sie am Ende, den toten Komponisten im Schoß, Liebe, Glück, die gemeinsame Zukunft beschwört. Simona Eisinger lässt als Sängerin Katharina Cavalieri die halsbrecherischen Fallhöhen Mozart'scher Arien hören. Hier wird die köstliche Illusion einer Primadonnen-Welt erkennbar, in der höchste Höhen perfekt und vor allem ohne spürbare Anstrengungen erklommen werden – eine Attitüde, die sich, wie wir häufig sehen, auch in den „Seitenblicken“ prächtig macht. Die Hofschranzen bleiben in dieser seriös, liebevoll und subtil erfinderisch gestalteten Aufführung allzu sehr im Hintergrund: Peter Scholz grinst boshaft als Operndirektor, Siegfried Walther lässt als Baron van Swieten seinen unberechenbaren Schützling, Mozart, fallen, Peter Moucka zeigt bissige Würde als Kammerherr. Die Intriganten Venticelli (Roman Blumenschein, Simon Dietersdorfer) blicken anfangs minutenlang schweigend ins Publikum, ein Schmäh, der zuletzt in den Siebzigern originell war und die Besucher vermutlich weniger irritierte als manche Derbheit. Freilich: Mozart war wohl auch ein derber Mensch in einer derben Zeit, die Vornehmheit nur vorspiegelte. Insgesamt: eine sehenswerte, überwiegend gelungene Aufführung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2011)

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