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Tony Cragg: "Ich bin Material, alles ist Material!"

Tony Cragg Material alles
Tony Cragg(c) EPA (Roland Weihrauch)
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Der Bildhauer Tony Cragg bedauert, dass wir zunehmend von vagem Industriedesign umgeben sind und erklärt im Gespräch mit der "Presse am Sonntag", warum er auf die Vernunft pfeift.

Ihre Skulpturen haben eine bizarre Anziehungskraft. Man möchte sie am liebsten von innen besichtigen!

Tony Cragg: Darum geht es! Man muss sich von der Idee verabschieden, Skulpturen als Statuen zu betrachten. Statue – ein schreckliches Wort, weil es statisch bedeutet, also eingefroren oder tot. Man muss die Skulptur im dreidimensionalen Raum sehen: Es sind elliptische Kolumnen, die sich von unten nach oben hinaufarbeiten, miteinander in Wettbewerb treten – es brodelt, es fließt.

Das ist harte physische Arbeit. Kein Wunder, dass bei Ihnen im Studio so viele Männer arbeiten.

Wir haben auch drei Frauen, und das ist wichtig. Zum einen hält es die Jungs in Schach, zum anderen sind Frauen fantastisch, wenn es darum geht, ein Werk perfekt zu machen. Es ist einfach, einen Job zu 90% zu machen; bei 95 % wird es schwierig; bei 99 % geben die meisten auf, weil es qualvoll ist. Diejenigen, die durchhalten, sind die Frauen.

Wie behalten Sie den Überblick über diese vielen Schichten und die Art und Weise, wie sie miteinander Bewegung erzeugen?

(Lacht.) Ich habe viel geübt.

Arbeiten Sie auch mit Computern?

Computer benutzen wir nur zur Visualisierung, denn dem Computer fehlt es an Poesie: Wenn du mit einer Maus auf einem Notepad arbeitest, bist du automatisch in die Knie gezwungen durch das, was das Programm kann. Die Pixel, die Bits und Bytes, die dir zur Verfügung stehen, sind Parameter der Mentalität eines Dritten, des Programmdesigners. Bleistift und Papier dagegen geben dir enorme Freiheiten. Die Zeichnung kann dich überall hinführen. Sehen Sie sich um, unsere Umgebung ist von Industriedesign dominiert, das ist langweilig, vage und irgendwie verschmiert.

Ist der Begriff Skulptur zu eng gefasst?

Als ich Student war, in den 1960ern und 70ern, war es Mode, jede Definition in die Länge zu strecken. Jemand saß zwei Stunden auf dem Sessel, und das nannte man Tanz, einer schmiss eine Axt aufs Klavier, und das war Musik. War das konstruktiv? Ich weiß es nicht, aber es ist wichtig zu fragen, was Skulptur ist, weil wir Unmengen von Dingen mit ihr machen können. Wenn jemand ein industrielles Objekt ins Museum stellt und es zur Skulptur erklärt, sage ich, soll er es machen. Aber es ist keine gute Skulptur, es ist nur eine Geste. Eine gute Skulptur ist eine, bei der das Material bearbeitet wurde wie nie zuvor. Ich interessiere mich für Material, weil ich selbst Material bin, alles ist Material.

Soll Skulptur einen praktischen Zweck erfüllen oder schlichtweg dem Auge gefallen?

Ich glaube nicht, dass sie dem Auge gefallen muss. Ästhetik für mich ist keine Frage von Schön oder Hässlich. Ästhetik ist ein Bewertungssystem, das wir zum Überleben nutzen. Wir treffen unentwegt ästhetische Entscheidungen – über die Umgebung, in der wir leben, über die Leute, die wir treffen, über unser Essen. Ich will Dinge schaffen, die uns mehr über die Strukturen verraten, in denen wir leben. Aber ehrlich, ich denke nie an den Betrachter. Ich bin zu sehr mit meiner eigenen Betrachtungsweise beschäftigt. Ich bin kein Designer: Designer haben das Problem, dass sie berücksichtigen müssen, welchen Nutzen andere aus ihrer Arbeit ziehen werden. Künstler machen keine Dinge aus utilitaristischem Prinzip.

Welchem Prinzip folgen Sie?

Ich glaube nicht, dass Kunst dazu da ist, aus der Welt einen besseren Ort zu machen. Ich mag dieses Vernunftdenken nicht; Kunst muss nicht vernünftig sein. Wir leben in einer Zeit, in der wir von riesigen Unternehmen und deren Utilitarismus unterdrückt werden. Das Hauptziel ist, wirtschaftlich zu sein, billig zu produzieren. Kunst bietet eine reelle Alternative dazu. Sie vermittelt ganz andere Werte und Sichtweisen der Realität.

Wenn Sie arbeiten, gehen Sie von einer Form aus, die Sie umsetzen möchten, oder versuchen Sie, sich selbst zu überraschen?

In den ersten paar Minuten habe ich noch einen Plan, und das war's dann. Das ist aber gerade das Aufregende an der Sache: Es ist viel interessanter, wie sich der Tag entwickelt, was sich zwischen der geplanten Dusche und dem geplanten Frühstück ereignet. Das ist im Studio genauso. Es beginnt damit, dass wir hier auf Sesseln sitzen, miteinander reden an diesem ruhigen Morgen – und in der Zwischenzeit passieren Billionen von Reaktionen, enorme Mengen von Partikeln strömen durch unsere Körper. Das ist fantastisch. Ich gehe also von der simplen Realität aus und baue Schicht um Schicht auf Dingen auf, die ablaufen, die ich aber nicht sehen kann.

 

„New Sculptures“ von Tony Cragg in der Galerie Thaddaeus Ropac in Salzburg läuft bis 18. Juni. „Figure In – Figure Out“ im Pariser Louvre wurde bis Herbst verlängert. In Duisburg läuft eine große Retrospektive seiner Werke, auf Craggs Programm stehen heuer noch Lucca, Edinburgh und Dallas.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2011)