Wer beim Literaturgenuss mehr sehen möchte als Buchstabensalat, könnte auf den Geschmack von visualisierten Texten kommen. Ein interdisziplinäres Genre ist im Entstehen.
Der aufgeschlossene Theatergänger ist bekanntlich an allerlei Experimente gewöhnt. Man denke nur an das von Bert Neumann an der Berliner Volksbühne serienreif gemachte Prinzip der partiellen Sichtbarkeit. Da wird hinter der Bühne ablaufendes Geschehen mittels ergänzender Video-Elemente in den Zuschauerraum gebracht – transmediale Live-Projektion der textgestützten Performanz, oder so etwas. Im Unterschied zum dramatischen Genre verlangen nun weder Prosa noch Lyrik notwendigerweise nach weiterführender Inszenierung. Und doch tüftelte in Wien kürzlich eine Schar ausgewählter Kreativer darüber, wie diese Gattungen im Zuge einer Publikumslesung zu visualisieren seien.
Interpretationsarbeit. Anlass bot das „Literatur Lab“ während des Soundframe-Festivals, für das von Visualisten und Kommunikationsdesignern literarische Vorlagen bearbeitet wurden. Die Veranstaltung wurde in Zusammenarbeit mit dem Wiener Literaturhaus realisiert; als treibende Kraft trat die Kreativagentur departure auf, die schon im letzten Jahr bei ihrem „Interkreativitäts“-Symposium das disziplinenübergreifende Genre aus der Taufe hatte heben lassen. Ein gänzlich neues Spielfeld für die Beteiligten? „Die Literatur-Visualisierung unterscheidet sich insofern nicht von unserer restlichen Arbeit, als es ja immer um eine inhaltliche Auseinandersetzung geht, die abstrakter oder konkreter umgesetzt wird. Ob wir einen Text visualisieren oder ein Theaterplakat machen, beruht am Ende auf derselben Herangehensweise“, bemerkt Eva Dranaz von der Agentur 3007, die mit ihrem Partner Jochen Fill bewegte Bilder für die Handke-Erzählung „Wunschloses Unglück“ fand.
Zwar fügten sie gefilmte Sequenzen aneinander, diese zeigten aber bewusst nicht die Landschaft, in der der Autor aufwuchs. „Es war spannend, die Grenzen auszuloten, um eben keine Verfilmung des Texts zu liefern, aber auch nicht reine Dekoration“, ergänzt Jochen Fill. „Die Wirkung einer solchen Visualisierung lässt sich vielleicht am ehesten mit Filmmusik vergleichen.“
Eine intensive Auseinandersetzung mit den zugrunde liegenden Texten, die jeweils auch live vorgetragen wurden, fand in allen Fällen statt. Um die fünfzig Mal lasen etwa Dranaz und Fill ihren Handke; Florian Tanzer und Astrid Steiner, sie firmieren als „Luma Launisch“, zogen gar eine befreundete Literaturwissenschaftlerin zur Exegese einer vom Literaturhaus zusammengestellten Lyrikanthologie hinzu. „Wir haben uns viel Zeit genommen, um den richtigen Ansatz zu finden“, so Tanzer. „Uns war wichtig, die Kernaussage der Gedichte herauszuarbeiten – wir wollten ja nicht auf das Wortwörtliche Bezug nehmen, sondern auf das Dahinter.“
Ähnliches dürfte Miriam Moné und Jona Hoier vorgeschwebt sein, die für die Soiree mit dem Klangkünstler-Duo Ritornell einen Monolog aus Elfriede Jelineks Trilogie von Kurzstücken „Macht nichts“ bearbeiteten. „An einen Jelinek-Text unvorbereitet heranzugehen, das würden wir uns gar nicht trauen“, kommentiert Moné. Das Ergebnis dieser Recherchearbeit wurde dem Publikum letztlich sogar in Form einer zusätzlichen Textebene präsentiert: Smartphone-Besitzer konnten sich nämlich auf einer eigens eingerichteten Seite einloggen, auf der weitere Fragmente zu lesen waren, nämlich von Paula Wessely gesprochene Passagen im Nazi-Propagandafilm „Heimkehr“: „Jelineks Vorlage ist der innere Monolog einer Burgschauspielerin, angelehnt an die ambivalente Figur der Wessely“, erläutert Moné, die diese Zusatzinformation miteinfließen lassen wollte.
Dass die Kombination aus Lesung, Visuals, Musikperformance und Smartphone-Untertiteln einen ziemlich großen Happen darstellt, sei ihr klar gewesen: „Die Überforderung der Zuschauer haben wir ganz bewusst betrieben, natürlich wurde das von uns im Vorfeld diskutiert.“
Was tun mit dem Text? So anspruchsvoll und spannend Visualisten dieses Neuland auch finden – in welche Richtung sich die junge Kunstform entwickeln könnte, ist sogar ihnen nicht ganz klar. Eva Dranaz denkt an pädagogisches Potenzial: „Wenn das Partypublikum sich über die Visualisierung mit Literatur auseinanderzusetzen beginnt, erschließt das vielleicht neue Leserkreise.“ Da in weiterer Folge angedacht ist, die visualisierten Texte als DVDs auf den Markt zu bringen, steht auch die Nutzung als „Seh-Buch“ für den Privatgebrauch, wie Jochen Fill in Analogie zum Hörbuch sagt, im Raum.
„Ich stelle mir das so vor, dass jemand die DVD in sein Home-Cinema einlegt und den Ton über den Lautsprecher hört wie ein normales Hörbuch; zusätzlich erzeugen die Bilder eine Stimmung im Raum“, zeigt sich Jona Haier visionär. Der ebenfalls beim „Literatur Lab“ mitwirkende Gründer des Mono-Hörbuchverlags, Till Firit, gibt zu bedenken: „Mir scheint, dass da ein anderes, eher kunstaffines Publikum angesprochen wird, weil gerade Hörbuchkonsumenten häufig angeben, dass sie nichts sehen wollen und es sich um eine Frage der Bequemlichkeit in bestimmten Situationen handelt.“
Er sieht besonders Dichtung als geeignet für visuelle Übersetzungen mit Videoclip-Charakter: „Lyrik erzeugt selbst schon starke Bilder, die sich gut zur Arbeit von Visualisten fügen lassen.“ Ähnlicher Meinung ist Barbara Zwiefelhofer vom Literaturhaus, die mit Evelyne Polt-Heinzl und Ursula Seeber die von Luma Launisch bearbeitete Gedichtanthologie zusammenstellte und die Veranstaltungsschiene des Literaturhauses betreut. Außerdem ist sie sich sicher: „Für das Publikum wäre es am spannendsten, wenn live etwas entstehen würde, also ein Visualist gemeinsam mit dem Autor etwas erarbeitet.“
Schön zu hören, dass es keineswegs an Visionen für das Format mangelt. Schließlich war irgendwann auch der Übergang zum Buchdruck so etwas wie ein Visualisierungsvorstoß. Und der hat sich ja ganz gut entwickelt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2011)