Festwochen: Mondfahrt, Grönlandeis und Wüstenbuch

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Festwochen Mondfahrt Groenlandeis Wuestenbuch(c) APA (HELMUT FOHRINGER)
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Bei den Wiener Festwochen unter Intendant Bondy und Direktorin Carp dominiert wie gewohnt das Theater – es bietet neben Altmeistern wie Chéreau, Castorf, Marthaler exotische Avantgarde.

Bis 19. Juni dürfen sich Theaterfreunde in diesem Jahr darüber freuen, dass sie ihren Langzeit-Intendanten Luc Bondy bei den Festwochen, die am 13.Mai eröffnet werden, noch ganz für sich haben. Ab 2012 wird er seine Arbeitskraft für zwei Saisonen zwischen Wien und Paris teilen – dort übernimmt er dann das Odéon Théâtre de l'Europe und hat bereits Kooperationen seines neuen Hauses mit seiner alten Wirkungsstätte angekündigt.

Der künftige Chef der Wiener Festwochen, der derzeitige Salzburger Festspielintendant Markus Hinterhäuser, dürfte garantieren, dass ab 2014 die Musik wie in früheren Tagen wieder eine größere Rolle im Programm spielen wird. Seine Vizeintendantin, die aus Bursa stammende Berlinerin Shermin Langhoff, lässt darauf hoffen, dass auch spannendes junges Theater geboten wird. Aber 2011 steht sozusagen final für die Programmatik, die Bondy seit seinem Amtsantritt als künstlerischer Leiter 2002 erarbeitet hat. Das Theater dominiert die Wiener Festwochen in immer stärkerem Maße, und seit die Hamburger Dramaturgin Stefanie Carp deren Schauspieldirektorin ist (2005 und seit 2008), wird ein Mix aus Inszenierungen von Altmeistern sowie die international übliche Tournee von exotischem, politischem und experimentellem Theater geboten.


Alte Stühle, neue Stühle. Auch 2011 gibt es diese typische Mischung. Die Intendanz verspricht zwar im Vorwort zum Programmbuch, dass die Zuseher „gedanklich und sinnlich weit reisen“ werden können, doch geboten wird bei den 46 Produktionen aus 24 Ländern in 224 Vorstellungen doch auch wieder „more of the same“ – und das ist in gewisser Weise beruhigend. Neben Grönland, Mali, Kasachstan, Kolumbien oder Japan mit seiner beängstigenden Aktualität kommt auch das alte Europa zu seinem Recht. Eine subjektive Auswahl der Theaterkritiker der „Presse“.

Beginnen wir mit dem Chefkoch: Luc Bondy, der auch „Rigoletto“ von Giuseppe Verdi inszeniert (Premiere am 29. 5. siehe auch den unten stehenden Text), führt bei dem absurden Klassiker „Les Chaises“ („Die Stühle“) von Eugène Ionesco aus dem Jahre 1952 Regie (6. 6., in französischer Sprache mit deutschen Untertiteln). Die tragische Farce hat Bondy bereits einmal als sehr junger Mann inszeniert. Seine neue Arbeit, eine Kooperation der Festwochen mit dem Théâtre Vidy-Lausanne, wurde im Herbst bereits in der Schweiz und in Frankreich aufgeführt. Eine „so hinreißende wie urkomische Liebeserklärung ans farcenhafte Dasein zweier Individuen“ konstatierte Barbara Villiger Heilig von der „Neuen Zürcher Zeitung“.


Kunstvolles Scheitern. Mut zur Farce scheint auch Andreas Kriegenburg in seiner Inszenierung von Dea Lohers Stück „Diebe“ zu besitzen: 37 Episoden, die zwölf gescheiterte Lebensentwürfe zeigen. Selbst dadurch solle die Hoffnung nicht kaputt gemacht werden, meint der Regisseur. Der Witz scheint darin zu liegen, dass (was auch der Realität der Zeit entspricht) alle mit enormem Optimismus in irgendeine Richtung streben, aber nirgends ankommen. Die „Diebe“ bestehlen sich selbst und andere, auf seiner Sinnsuche hat jeder die Hand in der Tasche des anderen. Das stört aber keinen, weil eben alle mitmachen. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würde Kriegenburg die mitunter absurden existenzialistischen Szenarien des frühen Christoph Marthaler abwandeln.

Neben Bondy zählt Marthaler zu den Konstanten des Festivals. Sein „Schutz vor der Zukunft“ (2005), die dramatische Bewältigung des Horrors vom Spiegelgrund, zählt zu den bedeutendsten Produktionen der Ära Bondy. In ihr spielte Markus Hinterhäuser Klavier. Es ist anzunehmen, dass der künftige Intendant, der ein Faible für Marthaler hat und ihn nach Salzburg lockte, diesen auch künftig als Eckstein des Festivals sieht. Heuer ist Marthaler zweifach vertreten – als Regisseur von Beat Furrers „Wüstenbuch“ sowie mit seinem eigenen „± 0“, einem „subpolaren Basislager“, das am 12. Mai in Nuuk und Wien uraufgeführt wird. Im „musikalischen Klimawandel“ geht es um Grönland, das Land mit der höchsten Selbstmordrate, das schmelzende Eis, Katastrophen, die Kultur der Inuit. Hier wird ein Bildungsversuch unternommen, denn, so wird vom Ensemble angekündigt, man sei doch eigentlich kenntnislos, wisse nur, wie dünn das Eis beschaffen sein werde, das man betrete.

Ein weiterer wichtiger Trabant: Robert Lepage reist im Burgtheater (20.–22. 5.) schwerelos bis zur „Far Side of the Moon“. Weiter geht's nicht. Mit punktueller Konstanz ist auch Peter Sellars aus den USA in Wien. Manche meinen, dass der häufige Gast bei den Festwochen seit 30 Jahren dasselbe mache. Das kann er gut. Er führt für Nichtbildungsbürger Klassiker an die Alltagsrealität heran. Heuer erforscht Sellars „Desdemona“: Was macht die Affinität einer vornehmen jungen Venezianerin zu einem „wilden“ Schwarzen aus? Die Antwort fand Sellars gemeinsam mit der afroamerikanischen Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison: Desdemona hatte eine schwarze Kinderfrau. Othellos Erzählungen fand sie anheimelnd.

Noch einer kommt, der seit vielen Jahren dasselbe macht und trotzdem geliebt wird: Frank Castorf. An seiner Volksbühne erklärt er einem mitunter ratlosen Publikum aus Ost und West, was seit der Wende wirklich passiert ist, und das ist etwas anderes als die optimistischen neoliberalen Szenarien, die Potemkinschen Dörfer, die sonst aufgebaut werden. Castorf scheint dabei immer pessimistischer zu werden. Das Schöne an ihm: Er hat etwas zu sagen, auch wenn es gelegentlich schwer verdaulich ist. Heuer befasst er sich mit Dostojewskis „Spieler“.


Neuestes aus Japan. Die Off-Szene der Festwochen ist gegenüber der Prominenz finanziell wohl unterdotiert. Gastspieleinladungen sind ein wichtiger Beitrag für deren Überleben. Hier ist wohl auch Carps künstlerische Freiheit der Wahl am größten. Mit besonderer Aufmerksamkeit werden die Gastspiele aus Japan verfolgt werden, auch wenn sie durchaus nicht direkt mit den dortigen Katastrophen zu tun haben.

Mehr fundierte oder auch fantasievolle Auseinandersetzung würde man sich mit islamischen Themen wünschen, was hoffentlich durch die türkischstämmige künftige Schauspielchefin der Festwochen besser wird. Nicht dass das Thema fehlte, aber andernorts scheint es origineller aufgearbeitet, wenn man an die Theaterbearbeitungen von Feridun Zaimoglu denkt oder die Beiträge des türkischen Nobelpreisträgers Orhan Pamuk, der als Dichter zu Gast bei den Salzburger Festspielen war. Die Wiener Festwochen sind zuletzt, wie auch das heurige Programm zu zeigen scheint, im rasanten Kulturbetrieb langsamer geworden. Das sieht man auch an der verdienstvollen Schiene „forum festwochen“, die sich, wenig überraschend, „Überlebensstrategien“ widmet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2011)

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