Hauptsache, die Zahlen stimmen

Wien verteidigt seinen Anspruch auf den Rang als Kreativhauptstadt mit harten Fakten.

Die einen stellen ihr Kreativpotenzial unter Beweis, indem sie sich in ein Städtenetzewerk aufnehmen lassen: Buenos Aires, Berlin, Shanghai und eben Graz haben diesen Weg gewählt und rangieren in der Designsparte des „Unesco Creative Cities Network“. Anderswo nimmt man davon Abstand, sich auf eine monothematische Wahrnehmung festlegen zu lassen. Barcelona zum Beispiel, London, Mailand und Paris, lauter internationale Kreativwirtschaftszentren, sucht man vergeblich auf der Unesco-Liste.

Auch Wien entbehrt derlei offizieller Würden, man weiß aber in der Bundeshauptstadt, was man an sich und der hauseigenen Kreativwirtschaft hat. Nach dem Motto „Lasst Zahlen sprechen“ wurde erst unlängst von der Wiener Wirtschaftskammer ein Kreativwirtschaftsbericht vorgelegt, und in der Tat: Nahezu die Hälfte aller in der österreichischen Kreativwirtschaft Beschäftigten werkt in Wien (44 Prozent), der Anteil der in der Bundeshauptstadt ansässigen Unternehmen ist fast ebenso groß (39 Prozent), und aus 10,8 Milliarden Euro Kreativ-Umsatzerlösen errechnet sich eine Bruttowertschöpfung von 3,8 Milliarden Euro. Fazit: Mit 5,1 Prozent Anteil an der Wiener Gesamtwertschöpfung übertrifft die lokale Kreativwirtschaft jene auf Bundesebene (3,5 Prozent laut letztem Kreativwirtschaftsbericht) und sogar in Deutschland (2,5 Prozent).

„Wien ist zweifellos die Kreativhauptstadt Österreichs“, kommentiert Wirtschaftskammerpräsidentin Brigitte Jank das Studienergebnis und leitet daraus auch Wettbewerbsvorteile ab: „Die Kreativwirtschaft ist ja ein wichtiger Indikator für die Innovationsfreudigkeit eines Wirtschaftsstandortes und Impulsgeber für Neuerungen in allen Bereichen.“

Für das Stadtmarketing sei indes ein Titel wie „City of Design“ weniger bedeutsam. „Es kommt darauf an“, so Jank, „dass Kreativität gelebt wird.“ Und das funktioniert in Wien offenbar ganz gut. Auch nach außen verkauft sich die Donaumetropole via eigene Tourismuswerbung verstärkt als „Cool City“ am Puls der Zeit. So müssen nur nur noch die Wiener selbst auf die Coolness ihrer Stadt gestoßen werden. Als Katalysatoren würden sich Veranstaltungen wie die Vienna Design Week oder der Modepalast eignen: „Wir unterstützen diese Plattformen ganz stark“, bestätigt Jank. Bleibt bloß zu hoffen, dass das Bobo-Elixier Latte macchiato nicht im Übereifer eines Tages die Melange verdrängt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2011)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.