Wenn Gmunden Wiener Theatergeschichte schreibt

Johann Nestroy hat der geheimnisvollen „schwarzen Frau“ einst gedient. Heute kostet es einige Mühe, sich an Bühnengespenster zu erinnern

Kennen Sie die „schwarze Frau“? Leser im Pinz- oder Pongau zucken jetzt unweigerlich zusammen. Nein, das Gespenst aus den Siebzigerjahren ist nicht wieder aufgetaucht. Die „schwarze Frau“, die ich meine, ist womöglich noch unwirklicher, aber man kann ihren Schöpfer ausfindig machen.

Das ist schwieriger geworden als noch vor 150 Jahren. Da war das Gegenstück, die „weiße Dame“ nämlich, noch in den Köpfen kultivierter Zeitgenossen präsent. Das Musterbild der französischen Opéra comique, 1825 uraufgeführt, hat einen Siegeszug durch Europa angetreten und war bald eine der meist diskutierten Musiktheater-Hervorbringungen in einer Zeit der stilistischen Umbrüche.

Wie immer, wenn etwas wirklich wichtig ist, wird es rasch karikiert, im Theater-Fall heißt das: parodiert. In Wien schuf nicht viel mehr als ein Jahr nach der Pariser Premiere von Francois Adrien Boieldieus „weißer Dame“ Adolph Müller die „schwarze Frau“. Das ist die, die ich meine.

Zu Zeiten war sie seltener als die Gespensterbegegnung im Pongau, die sogar biedere Lastwagenfahrer gemacht haben wollen. Aus den Archiven der Theater verlieren sich Gestalten noch seltener auf Autobahnraststätten als aus der reichen Fantasie unserer cineastisch geprägten Gegenwarts-Geistigkeit.

Den Bühnenfiguren von einst muss man nachspüren. Alice Waginger hat die „schwarze Frau“ ausgegraben, und zwar im Rahmen der Studien zu einer Diplomarbeit. Sage noch einer, wissenschaftliche Betätigung sei praxisfern. Im Verein mit Freunden hat die Entdeckerin der Spukgestalt eine Vereinigung ins Leben gerufen, die sich „dik“ nennt, eine Abkürzung für das Nestroysche „des is klassisch“.

Klassisch in Nestroys Sinn darf man es nennen, dass es „dik“ geschafft hat, Müllers Parodie aufzuführen.

In Gmunden begab sich jüngst die Premiere dieser Kultur-Tat, die man nicht nur deshalb so nennen darf, weil sie mit Talenten unserer universitären Musiker- und Sänger-Ausbildungsstätten realisiert wurde.

Jedenfalls bietet die Wiederbelebung einer Theater-Belustigung von anno dazumal einen kulturhistorisch spannenden Einblick in die Welt des Biedermeiers und kann auch ein Sprungbrett für junge Darsteller sein.

Es sollte ja so sein, dass sich auch jenseits von Gmunden, zum Beispiel in seiner einstigen Residenzstadt Wien, Neugierige finden, die wissen möchten, in welchem Stück ein Johann Nestroy einst willig eine Rolle übernahm: Bei der 100. Aufführung, 1834, agierte der große, kritische Bühnenpoet als Darsteller an der Seite seines Konkurrenten Wenzel Scholz. Das ist Wiener Theatergeschichte!

Wer mag, kann sich im Internet (www.dieschwarzefrau.at) informieren – und via Mundpropaganda zu erneuter Geister-Erscheinung beitragen.

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2011)

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