Der ÖBB-Chef gilt als rote Personalreserve und hat seine Fans in der SPÖ. Auch in der ÖVP beginnt man für alle Eventualitäten vorzuplanen.
Ein Gerücht geht um. In der Sozialdemokratie. Und mittlerweile auch schon darüber hinaus. Christian Kern, der smarte ÖBB-Boss, soll Kanzler werden. Eines Tages. Denn einer, der einen Pleitebetrieb wie die Österreichischen Bundesbahnen – in erster Linie allerdings seine eigene Marke – medial derart gut zu verkaufen verstehe, der müsse das doch auch mit einer Partei wie der SPÖ können. Der Manager Christian Kern würde ein wenig vom alten Vranitzky-Glanz in die SPÖ zurückbringen.
Beim Koalitionspartner beginnt man sich auf jeden Fall auch schon darauf einzustellen, dass der rote Gegenkandidat bei der Nationalratswahl 2013 nicht Werner Faymann, sondern vielleicht Christian Kern heißen könnte. Manche wollen sogar davon wissen, dass Kern diesbezüglich bereits mit Infrastrukturministerin Doris Bures gemeinsame Sache mache.
Allerdings: Auf Bures sollte man da nicht unbedingt zählen. Sie hat sich zuletzt zwar ein wenig vom Kanzler emanzipiert, ist aber nach wie vor eine der engsten Vertrauten Werner Faymanns. Und auch der SPÖ-Vorsitzende selbst sitzt als kleinster gemeinsamer Nenner in seiner Partei derzeit (noch) relativ fest im Sattel.
Am vergangenen 1.Mai hat Werner Faymann auf dem Wiener Rathausplatz zudem eine seiner bisher besten Reden gehalten, zumindest rhetorisch. Und bekam dafür auch gleich viel Applaus wie zuvor der beliebte Wiener Bürgermeister Michael Häupl. Und das will was heißen. Wirklich glücklich sind die Genossen mit ihrem Vorsitzenden Faymann jedoch nicht. Dem linken Flügel ist er zu wenig intellektuell, und für den rechten Flügel verströmt der Kanzler zu wenig Glamour, Weltläufigkeit und Wirtschaftskompetenz.
Christian Kern, ehemals Sprecher und Büroleiter von SPÖ-Klubchef und Beamtenstaatssekretär Peter Kostelka, hat seine Fans in der Sozialdemokratie. Aber es gibt auch Widerstand, etwa im ÖGB. Jüngst hatte Kern ein Hintergrundgespräch nicht mit Wirtschafts-, sondern mit Innenpolitik-Journalisten veranstaltet, was parteiintern als Indiz für politische Ambitionen gewertet wurde. Er solle sich zuerst einmal als ÖBB-Chef beweisen, dann könnte er immerhin einmal Infrastrukturminister werden, heißt es.
Und was sagt Christian Kern selbst dazu? „Ich habe mich vor einigen Jahren entschlossen, Manager zu sein und nicht Politiker. Und das soll auch so bleiben.“
Es ist, wie gesagt, ein Gerücht. Und man weiß ja, wie das mit Gerüchten so ist. Als seinerzeit Alfred Gusenbauer SPÖ-Chef und später Bundeskanzler war, da hieß es, eines Tages könnte ihm Werner Faymann nachfolgen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2011)