Ein Europa ohne Atomkraft brächte vorerst Stromknappheit und Preisschübe, warnt der Chef der Energie-AG Leo Windtner im Interview mit der "Presse". Die Energieabgabe solle für den Ausbau zweckgebunden sein.
Die Presse: Seit der Katastrophe in Fukushima fordern viele den Ausstieg aus der Atomkraft. Was halten Sie davon? Sollte Europa AKW-frei werden?
Leo Windtner: Ich stehe der Atomenergie prinzipiell emotionslos gegenüber. Die Energiebranche muss aber akzeptieren, dass sich die Österreicher klar gegen Kernkraft ausgesprochen haben. Daher ist das für uns auch kein Thema.
Ganz ohne Atomstrom-Importe geht es derzeit in Österreich aber auch nicht. Welche Folgen hätte es, wenn allein Deutschland seinen Plan vom Komplettausstieg realisiert?
Ein rascher Komplettausstieg aus dem Atomstrom ist ohne verbindliche Rahmenbedingungen unmöglich. Wer meint, dass Deutschland bis 2025 aus der Kernenergie raus kann, müsste dafür gewaltige Verknappungen am europäischen Strommarkt in Kauf nehmen. Denn die Ersatzkapazitäten können nicht so schnell bereitgestellt werden. Bis 2040 ist ein kompletter Ausstieg vermutlich schaffbar. Die Entscheidung, dass es so weit kommen wird, ist ja offenbar bereits gefallen. Mit jedem Jahr, um das der Ausstieg früher kommt, steigt aber die Gefahr einer Verknappung. Für große Entwicklungsländer wie China oder Indien wird die Kernenergie noch länger als Brückenenergie herhalten.
Was bedeutet das für die Strompreise in Österreich?
In Europa war Fukushima ein Turboschub für erneuerbare Energieträger. Ihr Ausbau verschlingt aber hohe Zusatzinvestitionen, die die Gefahr einer überproportionalen Verteuerung der Energie nach sich ziehen. Im Energiesektor haben wir ja keinen liberalisierten Markt mehr, sondern erleben eine verstärkte Re-Regulierung. Nicht nur die Netze, auch beim Energiepreis ist über den Ökostrom ein gewaltiger Teil aus dem Markt genommen und der Regulierung unterworfen worden.
Sie sprechen den Aufschlag für Ökostrom an, den jeder Stromkunde zu bezahlen hat. Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner hat eben erst angekündigt, die Förderausgaben für Ökostrom noch weiter zu erhöhen. Schießt er damit über das Ziel?
Der Staat muss natürlich Initialförderungen geben, um die Entwicklung erneuerbarer Energien in Richtung Marktreife anzutreiben. Dauersubventionierung ist aber volkswirtschaftlich nicht durchzuhalten. Weder für den Staat noch für die Konsumenten, die dafür bezahlen müssen. In Deutschland kostet die Überförderung der Fotovoltaik jeden Bürger etwa 140 Euro im Jahr.
Mit der starken Förderung von Ökostrom folgt Österreich allerdings dem europäischen Trend. Bis 2050 will die EU den Großteil der Energieproduktion durch erneuerbare Energien schaffen.
Umso wichtiger ist es, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen. Die Stromnetze sind auf die konventionelle Form der Energieproduktion ausgerichtet. Bei den unregelmäßigen Produktionsmustern der erneuerbaren Energien ist es jedoch entscheidend, dass die Netze einen gewissen Ausgleich gewährleisten können. Österreich kann mit seinen Pumpspeicherkraftwerken einen großen Beitrag leisten. Dafür müssen aber die internationalen Übertragungsnetze verbunden werden. Leitungen wie die 380-kV-Leitung nach Kaprun gehören da in jedem Fall dazu. Das mutwillige Verzögern von Projekten müsste gesetzlich verhindert werden.
Die Kosten für den Netzausbau soll wieder der Kunde tragen?
Die Kosten werden wohl beim Kunden landen. Allerdings hebt der Staat über die Energieabgabe jährlich rund 700 Millionen Euro ein. Da ist der Ökostromaufschlag nicht eingerechnet. Statt das Geld wie bisher im Budget versickern zu lassen, sollte es zweckgebunden werden, um Rückgratprojekte zu forcieren, die für die gesamte Energiewirtschaft wichtig sind.
Andererseits versprechen große Konzerne wie Siemens, schon in zehn Jahren lokale Speicher für Windenergie auf den Markt zu bringen. Sitzt man dann nicht möglicherweise auf teuren Leitungen, die erstens ungeliebt sind und zweitens nicht mehr nötig sind?
Um die Versorgungssicherheit der europäischen Staaten sicherzustellen, brauchen wir die Leitungen in jedem Fall. Der Transit zwischen Deutschland und Österreich ist schon heute nah an der Kapazitätsgrenze. Erst vor vier Jahren ist Europa haarscharf am Blackout vorbeigegangen. Ja, neue Speicher werden Verbesserungen bringen. Sie entbinden uns aber nicht von der Aufgabe, Leitungen zu installieren. Ansonst wären Kraftwerke wie Kaprun rausgeschmissenes Geld.
Widerspricht das nicht der Vision des Umweltministers Niki Berlakovich vom energieautarken Österreich?
Energieautarkie ist letztlich eine Fiktion, ein politisches Schlagwort, das offenbar helfen soll, die Importe im Energiebereich einzudämmen. Im internationalen Verbund Europas können wir aber unmöglich zur Insel der Energieseligen werden.
Auf einen Blick
Leo Windtner steht seit 1994 an der Spitze der Energie AG Oberösterreich. Ab 1985 war der heute 60-Jährige zehn Jahre lang Bürgermeister von St.Florian. Seit 2009 ist er Präsident des ÖFB.
Der Oberösterreicher warnt vor steigenden Preisen und Stromknappheit, sollte Europa der Atomenergie zu schnell den Rücken kehren. Hierzulande werden derzeit rund sechs Prozent Atomstrom verbraucht. Weltweit sind es 13,5 Prozent.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2011)