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Risikomanagement: Börsenkrise ohne Schrecken

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Es ist Zeit, sich über das finanzielle Risiko Gedanken zu machen: Wie man an der Börse mit sehr einfachen und leicht anwendbaren Strategien unaufholbar große Verluste vermeidet, indem man kleine akzeptiert.

Wien. Kaum hat man sich an halbwegs kontinuierliche Kurssteigerungen an den Börsen gewöhnt, wird das Klima schon wieder rauer. Man sollte also spätestens jetzt beginnen, sich über das finanzielle Risiko, das man mit seinen Aktienpositionen eingeht, Gedanken zu machen.

Damit nicht das geschieht, was vielen Kleinanlegern zur Jahrtausendwende mit Technologieaktien und 2007/08 etwa mit Immobilienaktien passiert ist: dass sie in der Hoffnung, der Markt werde sich schon bald wieder drehen, an ihren Papieren auf dem Weg in den tiefen Kurskeller eisern festhalten. Und damit in nie mehr wieder aufholbare Beinahe-Totalverluste schlittern.

 

Tücken der Prozentrechnung

Die meisten Anleger haben nämlich keine Idee, mit welcher Wucht die Tücken der Prozentrechnung beim Aufholen von Verlusten zuschlagen: Wer zehn Prozent seines Aktienvermögens verliert, hat diesen Verlust kompensiert, wenn der Markt wieder um 11,1 Prozent steigt. Kein großes Problem also. Bei 30 Prozent müsste der Markt schon 42,9 Prozent gutmachen, um den Schaden auszugleichen. Bei 50 Prozent wären 100 Prozent Gegenbewegung angesagt, nur um den Verlust zu kompensieren. Und bei neunzig Prozent Kursverlust, wie das etwa bei einigen heimischen Immobilienaktien der Fall war – da ist der größere Teil des Vermögens wohl dauerhaft versenkt.

Profis wissen, dass es an der Börse nur einen Weg gibt, große Verluste zu vermeiden: indem man notfalls kleine Verluste akzeptiert. Sie betreiben deshalb striktes Money- und Risikomanagement.

Kleinanleger,
die vielfach emotional ent-
scheiden und damit im Schnitt Verluste machen, sollten ihnen nacheifern.

Solche Risikobegrenzungssysteme, die, wenn es kracht, einigermaßen den Kapitalerhalt sichern, sind auch für Gelegenheitsbörsianer nicht allzu schwer nachzubauen. Schwieriger ist es schon, diese Vorgaben unter Ausschaltung aller Emotionen dann auch strikt einzuhalten. Aber es zahlt sich jedenfalls aus. Eine der größten Verlustquellen an der Börse für Kleinanleger ist nämlich die Neigung, zu lange an Aktien festzuhalten und auf Gegenbewegungen zu hoffen.

Ein praktikables Risikomanagement könnte etwa so gestrickt sein:

• Zuerst wird festgelegt, wie viel Verlust man im schlimmsten aller Fälle (einem Crash, der den gesamten Markt herunterreißt) zu tragen bereit ist. Dieser Verlust sollte sich in einer Bandbreite bewegen, die in einem anschließenden Marktaufschwung leicht wieder aufzuholen ist. Bewährt haben sich dafür zehn Prozent. Wenn 100.000 Euro für Aktienkäufe zur Verfügung stehen, sind dann also maximal 10.000 Euro Verlust möglich.

• Danach wird die Aufteilung des Depots festgelegt, womit sich das maximal zulässige Risiko für einen Einzelwert ergibt. Wenn man sich etwa für zehn Einzelwerte entscheidet, dann müssen die einzelnen Positionen eben so portioniert werden, dass ihr Verlustrisiko maximal je 1000 Euro ausmacht.

• Jetzt geht es daran, die Aktienanzahl für konkrete Engagements festzulegen. Am Beispiel „Erste“-Aktie: Man glaubt etwa daran, dass sich diese gut entwickeln könnte und will zum aktuellen Kurs von 34 kaufen. Für den Fall, dass der Trade schiefgeht, sichert man sich mit einem Stopp ab, der anfangs eher knapp gelegt werden sollte. Nehmen wir hier 31. In der Praxis hängt der Stoppkurs von vielen Faktoren, nicht zuletzt aber auch von der Volatilität (Schwankungsbreite des Kurses) der Aktie ab.

Die Stückzahl, bei der unter diesen Annahmen ein maximaler Verlust von 1000 Euro möglich ist, errechnet man jetzt nach der Formel Risiko pro Position geteilt durch die Summe aus Aktienkurs minus Stoppkurs. In unserem Fall also 1000 geteilt durch drei. Wir können demnach maximal 333„Erste“-Aktien erwerben. In der Praxis werden es, wenn die Risikobegrenzung strikt eingehalten werden soll, ein paar weniger sein, denn bei Kauf und Verkauf fallen Spesen an, und beim automatischen Verkauf per „Stopp Loss“-Order kommt es meist zur sogenannten „Slippage“: Der tatsächliche Verkaufskurs liegt unter der angepeilten Marke, weil zum ersten Kurs nach Durchbrechen der Stoppmarke verkauft wird.

• Die Absicherung bei 31 Euro versehen wir jetzt mit einer sogenannten „Trailing Stopp“-Order, wie sie von den meisten Onlinebrokern angeboten wird. Das ist eine „Stopp Loss“-Order, die bei Kursanstiegen nach oben mitgezogen wird – und bei Rückfällen so zu einer automatischen Realisierung von Kursgewinnen führt.

 

Freie Bahn für den Kurs

Der Effekt: Der Kurs hat nach oben freie Bahn, ist nach unten aber strikt begrenzt. Und das ist schon der halbe Börsenerfolg: Die meisten Kleinanleger verlieren an der Börse nämlich nicht Geld, weil sie nie Gewinne machen, sondern weil sie zusehen, wie die unvermeidlichen Verlustbringer diese wieder auffressen. Schon mit einem so einfachen Modell verlieren Börsenkrisen jeden Schrecken– wenn man sich daran hält.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2011)