Unter Kolumnisten gilt es ja fast als ehrenrührig, zu schreiben, dass einem nichts Rechtes eingefallen ist.
Unter Kolumnisten gilt es ja fast als ehrenrührig, zu schreiben, dass einem nichts Rechtes eingefallen ist. Wobei dieser Satz natürlich ein Unsinn ist. Nicht weil einem doch was eingefallen wäre (ist es nicht, Sie werden sehen), sondern weil er so tut, als lebte man als Kolumnist unter Kolumnisten. Keine Spur! Genau genommen kenne ich nicht einmal die inspirierte Dame rechts von mir, obwohl ich ihr regelmäßiger Leser und langjähriger Nachbar bin. Wenn einem also nichts einfällt, weil man zum Beispiel nichts Nennenswertes erlebt hat (das mit dem wenigen Schlaf und den vielen Betreuungspflichten habe ich bereits erwähnt), und schon jeder erste Satz das Letzte ist, weicht man gerne auf das Naheliegendste aus. Man schreibt darüber, dass einen der Mai jedes Jahr wieder enttäuscht, weil man sich so viel von ihm erwartet hat.Wobei Enttäuschung natürlich immer nur mit den eigenen Erwartungen zu tun hat, aber kaum etwas mit den tatsächlichen Umständen. Denn in Wahrheit unterscheidet sich der Waschtrogmonat vom schlecht beleumundeten April überhaupt nur dadurch, dass man keine Jacke mehr trägt. Was interessant ist: Fünf Grad in der grauen Novemberfrüh bedeuten Daunenanorak, während die gleiche Temperatur im Mai mit einem Lächeln im Pullover durchtaucht wird. Kurzum: Ich bin also nicht so der Mai-Guy. Aber seien wir doch ehrlich: Dieser Gedanke trägt keine Kolumne. Unter Kolumnisten pflegt man an dieser Stelle etwas zu sagen wie: „Du, ich hab’s eilig, ich muss heute noch liefern, und ich weiß noch nicht einmal genau, was ich schreiben werde“, worauf der andere Kolumnist einem dann aufmunternd zuruft: „Kopf hoch, erschienen sind wir noch immer!“ Na, wir werden ja sehen . . .