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Muslime: Religiosität sackt deutlich ab

Muslime Religiositaet sackt deutlich
Muslime beim Gebet(c) EPA (Katia Christodoulou)
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Knapp die Hälfte der österreichischen Muslime praktiziert ihre Religion, zeigt eine aktuelle Studie. Vor allem in der zweiten Generation wird der Glaube nur mehr sehr locker gehandhabt.

Wien. Österreichs Muslime sind nicht so religiös, wie sie in der Öffentlichkeit gesehen werden. Glaubt man einer aktuellen Studie, gehört nur knapp jeder Zweite zur Gruppe der Praktizierenden. 48 Prozent besuchen demnach jeden Freitag die Moschee, beten fünf Mal am Tag und betrachten sich selbst als sehr religiös.

Rund ein Viertel der Muslime wird in dieser Studie zu den Säkularen gezählt. Ganz unwichtig sind religiöse Traditionen für sie zwar nicht, doch werden die fünf Säulen des Islam (Glaubensbekenntnis, Gebet, Fasten, Almosen und Pilgerfahrt nach Mekka) nur locker gesehen – in Form eines Kulturislam, so wie auch säkulare Christen Ostern oder Weihnachten feiern. Im Fall der Muslime ist es vor allem der Fastenmonat Ramadan, der praktiziert wird – als Tradition.

Anpassung an die Moderne

Diese Zahlen zu den Muslimen sind Teil der Langzeitstudie „Religion im Leben der ÖsterreicherInnen 1970–2010“, die der Religionsforscher Paul M. Zulehner durchgeführt hat. Der Forschungsbericht dazu, „Verbuntung. Kirchen im weltanschaulichen Pluralismus“, erscheint im Juni. Ein eher populärwissenschaftliches Buch ist unter dem Titel „Seht her, nun mache ich etwas Neues. Wohin sich die Kirchen wandeln müssen“ erschienen.

In den in der Studie erhobenen Zahlen zeichnet sich zwar ab, dass die Religiosität bei den Muslimen noch deutlich über jener anderer Glaubensgemeinschaften liegt, jedoch geht der Trend in Richtung weitere Abnahme. Denn fallen in der ersten Generation rund 54 Prozent in die Gruppe der Praktizierenden, sind es bei der zweiten Generation nur noch 29 Prozent.

„Das Dramatische ist“, sagt Zulehner im Gespräch mit der „Presse“, „dass die Muslime innerhalb von zwei Generationen das durchmachen müssen, wofür die Christen vier Jahrhunderte Zeit hatten. Nämlich die Anpassung an die Moderne.“ So hätten die Zuwanderer, die vor allem aus Anatolien kamen, noch eine deutlich stärkere Verbindung zwischen ihrer Kultur und der Religion. „Der Islam gehört so selbstverständlich zu deren Kultur“, sagt Zulehner, „wie bei uns der Katholizismus zu Zeiten von Maria Theresia.“

Ein Indiz dafür ortet der Theologe im „Autoritarismus“, also jener Haltung des Menschen, die ihn „unterwerfungsbereit“ macht. Genau der sei unter Österreichs Muslimen besonders deutlich ausgeprägt. Während im österreichischen Schnitt 48 Prozent eher autoritär denken, so liegt dieser Anteil unter den Muslimen bei 68 Prozent. Auch hier gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Generationen. Gelten in der ersten Generation 75 Prozent als unterwerfungsbereit, sind es in der zweiten nur mehr 50 Prozent.

Frauen als treibende Kraft

Eine treibende Kraft bei dieser Modernisierungsbewegung sind die Frauen. Sie haben eine deutlich geringere Unterwerfungsbereitschaft als Männer. Und sie entwickeln ihr Selbstverständnis schneller weg von traditionellen Rollenbildern. Aber auch bei den Männern der zweiten Generation deutet sich zunehmend ein moderneres Weltbild an. Insgesamt liegt der Anteil der „Modernen“ bei den Muslimen zweiter Generation in Zulehners Studie sogar höher als der österreichische Durchschnitt.

Für viele Muslime stelle sich die Frage, ob es möglich ist, gleichzeitig praktizierender Moslem und moderner Mensch zu sein. Derzeit, so Zulehner, scheinen diese beiden Pole wenig kompatibel zu sein. Hier seien die offiziellen Vertreter der Muslime gefordert, sich um die Versöhnung von Glauben und Moderne zu bemühen.

Schadenfreude und Häme über die Entwicklung sei aus Sicht der Kirchen nicht angebracht. Sondern Besorgnis, so Zulehner, „weil alle Religionen auf dem Prüfstand der modernen Kultur stehen“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2011)