Vulkanologie: Forscher halten den Vesuv für den gefährlichsten aller Vulkane und fordern umfassende Evakuierungspläne. "Eine Krise könnte heute beginnen", warnt ein Forscher .
Es war „eine Wolke von ungewöhnlicher Form und Größe. Am besten kann man sie mit einer Pinie vergleichen. Sie wuchs mit einem Riesenstamm, aus dem Zweige kamen, viele brachen unter ihrer eigenen Last zusammen. Diesen Anblick ließ den Gelehrten in meinem Onkel erwachen, er befahl ein Boot bereitzustellen.“ So beschrieb Plinius der Jüngere die letzte Fahrt seines Onkels: Plinius der Ältere ließ sich beim Ausbruch des Vesuv am 24.August 79 nach Neapel rudern, er kehrte nicht lebend zurück.
Aber sein Name lebt: Ausbrüche wie der des Vesuv, den Plinius studieren wollte, heißen „plinianische“. Sie sind gigantische Explosionen, bei denen erstarrende Lava den Ausgang des Vulkanschlots so lange versperrt, bis der Deckel abgesprengt wird und das kochende Material in den Himmel schießt.
Damals traf es Pompeji, und dieser Ausbruch war nicht der stärkste: Vor 3780 Jahren stieg die Säule 36 Kilometer in den Himmel und bedeckte die ganze Region vier Meter hoch mit Asche. Opfer gab es wenige, das Gebiet war dünn besiedelt. Heute leben dort mindestens drei Millionen Menschen: „Das macht den Vesuv zum gefährlichsten Vulkan in der Welt“, erklärt Guiseppe Mastrolonzo vom Vesuv-Vulkan-Observatorium in Neapel (Nature, 473, S.140). Er macht sich Sorgen, seit Seismologen in acht bis zehn Kilometern unter dem Berg eine besondere Schicht bemerkt haben. Mastrolonzo hält sie für ein Magma-Reservoir, und er weiß aus Analysen früherer Ausbrüche, dass sich zwar erste Warnzeichen Wochen vor einem Ausbruch zeigen können. Wenn er aber dann kommt, kommt er sehr rasch, in Stunden.
„Krise könnte heute beginnen“
„Eine Krise könnte heute beginnen“, warnt der Forscher und fordert Pläne für eine großflächige Evakuierung im Umkreis von 20 Kilometern, sobald sich im Untergrund erste Zeichen zeigen oder die Region von einem Erdbeben getroffen wird. Andere Vulkanologen schätzen die Lage nicht so dramatisch ein: Bruno Sailet (Orleans) sieht die Ausbrüche des Vesuv im Lauf der Zeit schwächer werden, weil sich die Magmakammern im Innern des Bergs nach oben verschieben, das macht Magma weniger dickflüssig und explosiv. Er vermutet den nächsten Ausbruch eher in der Größenordnung des letzten, der war 1944, 12.000 Menschen wurden weggebracht, 26 kamen ums Leben.
Die Behörden suchen einen Mittelweg: 600.000 Menschen in Regionen, die von Lavaflüssen gefährdet wären, sollen bei Gefahrenzeichen binnen 72 Stunden in Sicherheit gebracht werden. Wo hingegen Asche droht, soll erst nach einem Ausbruch geräumt werden, wenn man weiß, wie der Wind weht. Und weil der für gewöhnlich nicht Richtung Neapel zieht, ist die Stadt selbst von allen Maßnahmen ausgenommen. Für Mastrolonzo ist das unzureichend, er fordert eine Vorbereitung auf den Worst Case: „Alle Leute müssen herausgebracht werden, bevor es losgeht.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2011)