Der Dramatiker Simon Stephens, in Österreich vielfältig präsent, spricht über seine Stücke, Schreiben als Job und Osama bin Laden. Dass Kinder bessere Menschen sind als Erwachsene, bezweifelt der dreifache Vater.
„Die Presse“: Manche Ihrer Texte sind rätselhaft wie „Wastwater“, ab Samstag in Wien zu sehen. Ist das Absicht?
Simon Stephens: Das kann ich nicht so genau sagen. Aber es stimmt, manche meiner Stücke sind mysteriös. Da gehört „Wastwater“ dazu, das von mehreren Autoren inspiriert ist, z. B. von David Eldridge, Wallace Shawn, Caryl Churchill. Andere Dramen wie „Punk Rock“ oder „Motortown“ sind klar und direkt. Für mich ist es wichtig, das Publikum aufzuwecken. Ich möchte, dass es nicht einfach nur dasitzt, zuschaut und eine Information erhält. Ich möchte, dass die Leute selbst anfangen, meine Geschichten zu erforschen.
„Punk Rock“ ist ein typisches Jugendstück. Wie bauen Sie Ihre Texte, nach Themen, persönlichen Erfahrungen, Geschichten, die Sie gehört haben?
Anregungen für „Punk Rock“ fand ich bei Wedekinds „Frühlings Erwachen“ und bei Filmen: konkret „If“ (1968) von Lindsay Anderson und bei Gus Van Sants „Elephant“ (2003). In beiden Arbeiten geht es um Gewalt in Schulen, in „Elephant“ um das Massaker an der Columbine High School in Littleton. Generell habe ich inzwischen eine Methode entwickelt: Ich denke nach, ich plane und probiere. Das Schreiben selbst geht dann relativ schnell. Ich verwende alles: Was ich beobachte, was ich höre, was ich selbst erfahren habe. Ich schreibe permanent. Ich habe seit „Wastwater“ schon mehrere Stücke geschrieben, aber es ist zu früh, darüber zu reden.
Ihre Werke werden in Europa viel gespielt. Ist das teuer, oder können sich die Theater das leicht leisten?
(Er lacht.) Oh, ich bin wahnsinnig teuer. Unvorstellbar! Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung. Ich bekomme das, was übrig bleibt, und hoffe, dass ich meine Kinder davon ernähren kann.
Sie haben immerhin drei. Früher waren Sie in einer Band. Ist das Schreiben für Sie Berufung oder ein Job?
Ich habe in der Band Bass gespielt. Ich war mit meinen Freunden zusammen, wir gingen auf Tournee durch Europa und tranken. Das war in meinen Zwanzigern, ist also lang her. Als junger Mann habe ich Gedichte geschrieben, aber das dauerte nur ein halbes Jahr – und das war's. Stücke schreiben ist meine Hauptbeschäftigung. Wenn ich eine Reihung machen soll, was das Wichtigste in meinem Leben ist, so ist es meine Familie, meine Kinder. Danach kommt eine Meile gar nichts, und dann kommen die Stücke, dann das Lehren und dann das Schreiben für Fernsehen oder Film. Das mache ich hauptsächlich wegen des Geldes. Ich schreibe sehr gern, obwohl man nie weiß, ob man davon leben kann. Man macht sich ständig Sorgen. Aber ich hatte andere Jobs und das ist eben das, was ich jetzt tue.
Wenn man Kinder hat, stellt man sich oft die Frage, ob sie Fortschritte erzielen, ob sich ihr Denken so verändert, dass mit der Zeit eine bessere Welt entsteht. Was meinen Sie?
Ich wünschte, ich könnte in die Gehirne meiner Kinder klettern und schauen, wie und was sie denken. Ich bekomme viele Anregungen von ihnen. Meinem Sohn gefällt es, dass ich Autor bin, dass er mit Schauspielern sprechen kann. Ich glaube auch, dass es Unterschiede zwischen uns und unseren Kindern gibt – zwischen den Generationen. Aber ich glaube nicht, dass sie so fundamental sind. Wir postindustriellen Menschen des Westens wollen so im Großen und Ganzen alle dasselbe: Wir möchten gut und sicher leben. Alles andere ist eine Frage der Form, der Sprache. Trotzdem steckt in uns allen etwas Monströses, sogar in Kindern. Das versuche ich, ehrlich und mit Leidenschaft zu beschreiben.
Wie haben Sie die Liquidierung Osama bin Ladens erlebt? Wie haben Ihre Landsleute darauf reagiert?
Ich war auf dem Lande, habe gelehrt. Daher weiß ich wenig. Wie reagieren die Österreicher?
Ich weiß es auch nicht, ich war in Italien. Meine Tochter sandte mir ein SMS: Sie haben Bin Laden erschossen. Ich versuchte deutsche Zeitungen zu bekommen, aber alle waren ausverkauft. Es war fast wie in einem Ihrer Stücke, lakonisch und gespenstisch.
„Bin Laden wurde erschossen“, das klingt fast wie die erste Zeile eines Witzes. Ich hörte die Schlagzeile, kurz bevor ich zu meinem Kurs abfuhr. Ich fühlte eine kurze Euphorie, wie es manchmal geschieht bei spektakulären Nachrichten. Ich hörte auch die Meldung, dass die Massen vor dem Weißen Haus und am Ground Zero in New York jubeln. Dann fielen mir die begeisterten Interviews aus dem Westjordanland ein – nach 9/11 über den gelungenen Anschlag auf das World Trade Center. Ich dachte, das ist nicht das Ende von etwas, sondern der Anfang. Und es ist der Anfang von etwas Erschreckendem.
Was wird geschehen?
Das kann man nicht wissen. Al-Qaida ist vermutlich nicht so mächtig, aber es gibt Splittergruppen und Leute, die sich inspirieren lassen. Es gibt auch Gruppen, die vielleicht gefährlicher sind, ob in Nordafrika oder auf den Philippinen. Aber bin Laden war eine mächtige Symbolfigur.
Vielleicht wird diese Geschichte der Hintergrund eines Ihrer Stücke wie der Irak-Krieg bei „Motortown“.
Dazu ist das Ereignis zu frisch. Wir leben in einer tiefen Unsicherheit, ökologisch, wirtschaftlich und durch den globalen Terrorismus. Wir wissen nie, was geschehen wird. Darüber schreibe ich. Ich verdiene mein Geld damit, die Unsicherheiten auszugraben, zu erforschen und davon zu erzählen.
Auf einen Blick
Simon Stephens (40), Brite, ist einer der meist gespielten zeitgenössischen Dramatiker. Im Volkstheater läuft sein Stück „Punk Rock“ (z. B. 15., 17. 5.). Der Autor liest dort am 17. 5. in der Roten Bar „Steilwand/Sea Wall“. Bei den Festwochen hat am 14. Mai „Wastwater“ vom Royal Court Theatre London Premiere (bis 17. 5.). Ferner ist bei den Festwochen Stephens' Übersetzung und Bearbeitung von Jon Fosses „I Am the Wind“ zu sehen (R.: Chéreau).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.05.2011)