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Terrorführer in Österreich? Wien schweigt zu Vorwurf

Terrorfuehrer oesterreich Wien schweigt
Ayman al-Zawahri(c) AP
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Al-Qaida-Führer al-Zawahiri soll 1995 in Österreich und Bulgarien gewesen sein. Die Länder wiesen sich gegenseitig die Aufgabe der Festnahme zu, sagt der ehemalige Hauptsekretär des bulgarischen Innenministeriums.

Kiew/Wien. Glaubt man den Worten des früheren Hauptsekretärs des bulgarischen Innenministeriums, Georgi Lambow, dann hat seine Behörde in der Causa Ayman al-Zawahiri genau richtig gehandelt: Aufmerksam beobachtet, aber das eigene Land nicht in Gefahr gebracht. Man schrieb das Jahr 1995, als man von österreichischer Seite die Aufforderung erhielt, Zawahiri auf bulgarischem Territorium zu verhaften. Zawahiri habe sich damals in Österreich aufgehalten. „Verhaftet ihn doch selbst“, habe er den Kollegen aus Wien gesagt, gab Lambow am Donnerstag freimütig in einem Interview mit dem Radiosender Darik zu. „Warum sollten wir ihn in Bulgarien verhaften – damit wir etwa ein Attentat hier hervorrufen?“ Ende 1995 sei das gewesen, Zawahiri sei damals auf dem Weg in die Türkei in Sofia kurz zwischengelandet.

Laut Informationen seines Exkollegen Wladimir Manolow, dem früheren Leiter der nationalen Sicherheitsagentur, hatte sich Zawahiri vor seiner Transitreise schon einmal in Bulgarien aufgehalten, ebenfalls 1995. Man habe ihn damals unter Beobachtung gestellt.

Zawahiri soll sich damals in einem Haus in den Bergen, das von einer arabischen Familie angemietet worden war, etwa drei Wochen lang aufgehalten haben. Laut Manolow „ruhte er sich einfach aus, traf Freunde, besuchte die lokale Moschee“. Man hätte einen Undercover-Agenten auf ihn abgestellt. „Wir bekamen so einiges an authentischer Information.“

Keine Bedrohung für Bulgarien

Festnehmen wollte man ihn damals nicht. Wegen eines fehlenden Auslieferungsabkommens mit Ägypten seien Bulgarien sowieso die Hände gebunden gewesen, heißt es. Womöglich war folgendes entscheidender: Man war zum Schluss gekommen, dass Zawahiri keine Sicherheitsbedrohung für Bulgarien darstellte. Gefällt habe die endgültige Entscheidung, Zawahiri ziehen zu lassen, aber weder Lambow noch Manolow, sondern der damalige sozialistische Innenminister Ljubomir Natschew. Bei diesem kann man heute nicht mehr nachfragen: Er erschoss sich 2006 mit seiner Pistole.

Das österreichische Innenministerium will die Vorwürfe aus Bulgarien weder bestätigen noch dementieren. Bisher konnten nämlich keine schriftlichen Aufzeichnungen zu dem angeblichen Vorfall gefunden werden. Das kann damit zu tun haben, dass er unter Umständen überhaupt nicht stattfand. Ebenfalls möglich ist, dass die Akten dem von vielen Historikern kritisierten Archivgesetz zum Opfer fielen. Nur was historisch bedeutsam ist, wandert auch ins Staatsarchiv. Der Rest muss nach fünf bzw. zehn Jahren vernichtet werden.

Falls Zawahiri tatsächlich in Österreich war, wäre innerhalb der ehemaligen Staatspolizei die Einsatzgruppe zur Bekämpfung des Terrorismus (EBT) dafür zuständig gewesen. In der Nachfolgebehörde (Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung, BVT) heißt es heute, dass Zawahiri erst seit den Anschlägen vom 11.September 2001 international zur Festnahme ausgeschrieben ist.

Die Korrespondenz mit den bulgarischen Behörden fand im Jahr 1995 statt. In Teilen des Innenministeriums wertet man die Äußerungen Lambows als Versuch Druck auf Österreich auszuüben. Über die Gründe schweigt man sich jedoch aus. „Das ist alles Spekulation, aber möglicherweise stecken Geheimdienstinteressen dahinter“, so eine Quelle.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2011)