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Wiener Festwochen: Marthalers Schwäche

Wiener Festwochen Marthalers Schwaeche
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Zum Auftakt enttäuschte der Schweizer Theatermacher mit "± 0. Ein subpolares Basislager": 20 bezaubernde Minuten werden von zwei Stunden Langeweile zugedeckt. Das ist suboptimal für dieses Ensemble.

Neun vermummte Gestalten betreten im Museumsquartier die Bühne, die von Anna Viebrock charmant abgewohnt ausgestattet wurde. Sie bringen eine Kühltruhe mit in diese Sporthalle mit Basketball-Korb, mit Gummimatten an den Wänden (gegen sie werden sich später die tanzenden Schauspieler werfen, als trauerten sie um Pina Bausch); daneben gibt es eine Art Ruheraum aus billigem Material; auf dem Boden stehen Hundekäfige; links hängen Schiefertafeln an der Wand, Fenster zu Nebenräumen sind vergittert; ganz am Rande steht ein Rednerpult aus Holz; auf dem Linoleum-Boden liegen Mobiltelefone.

Ins Set darf man sich ausgiebig versenken. Denn das Mobiliar ist bereits einer der aufregenden Teile von „±0“, das am Donnerstag in Wien uraufgeführt wurde. Über dem arktischen Stück Christoph Marthalers schwebt unbarmherzig die Frage, was die Grönland-Fahrer von dort berichten wollen. In Kangerlussuaq, Ilulissat und Nuuk entstand diese Arbeit. Was haben der Regisseur und sein Team dort erlebt? „Faszination“, wie im Programm behauptet wird, „ein Gefühl der Befreiung und Ruhe“? Das Schmelzen am Pol erzeugt jedenfalls Unruhe. Gebildete Zitate zuhauf: aus Hanns Hörbigers Welteis-Theorie oder dem allertraurigsten Essay von George Steiner, aus Alfred Döblins Roman „Berge, Meere und Giganten“ oder einer Kurzgeschichte von Jorge Luis Borges über ein Sandbuch mit unendlich vielen Seiten. Man kann auch schockiert sein wegen imperialistisch-rassistischer Verordnungen über den Umgang mit den Inuit. Aber warum Marthaler mit seinem oft so wunderbaren Ensemble die Zuschauer solcher Fadesse aussetzt, bleibt ein Geheimnis.

 

Wann hört es endlich auf zu schneien?

Die Darsteller legen Anoraks, Schals, Mützen ab, setzen sich in die Höhle aus Resopal, aus der sie immer wieder durch den Alarm für die „Alert Crew“ aufgeschreckt werden. Dann benehmen sie sich seltsam, reißen Witze. Einer streichelt Licht, eine singt Puccini im Käfig. Am wunderlichsten ist der Beginn. Eine Grönländerin hält in für die meisten Zuseher fremder Zunge eine Rede. Was sagt sie uns? Bestellt sie ein Bier, obwohl die Behörde vor dem Verderben der Inuit warnt? Schimpft sie über dänische Besatzer? Fürchtet sie sich davor, von Marthaler gefressen zu werden? Wir wissen es nicht, weil das Gesagte nicht übersetzt wird.

Dabei hat gerade diese Rednerin bald eine der starken Szenen. Sie steht mit einem Gesangsbuch vor einem stummen Prediger am Pult. Er gestikuliert, sie stimmt ein Lied an: „Wie der Hirsch nach frischer Quelle“. So also wird hinterm Polarkreis missioniert. Der Dialog scheint ein Missverständnis zu sein. Wenn sich diese Figuren aussprechen, dann vor einem riesigen Lautsprecher: „Wann wird es endlich aufhören zu schneien?“ hört man, oder: „Warum reden die Menschen nicht miteinander?“ Ja, warum denn eigentlich? Diese Frage ist so tief, dass schließlich sogar der Lautsprecher einschläft und zu schnarchen beginnt.

Trost bietet bei so viel Theater-Tundra voll deutungsmächtiger Gesten und mysteriöser Handlungen allein die Musik. Höhepunkt Nummer zwei ist erreicht, als mit Akkordeon und Nebengeräuschen der „Zarathustra“ von Richard Strauss erklingt. Das Ensemble ist auch souverän wie immer, wenn es „Cold People“ von Henry Purcell oder „Es gibt kein Bier auf Hawaii“ intoniert. Beethoven, Cage, Mozart, Bovet, Schubert, Procol Harum oder gar Mahler – das alles wird artig und leicht verfremdet dargeboten. Man muss Marthaler loben. Selbst bei seiner schwächsten Arbeit glänzt die Musik, sie ist seine eigentliche Sprache, auch bei einem Tänzchen, das zum Kick gegen Handys wird. Köstlich wirkt dabei ein wegnickender Ober mit Tablett, der zuvor auf Gläsern wunderbar beruhigende Sphärenmusik erzeugt hat. Ihn kann man wirklich verstehen.

Das war's dann aus Grönlands Tiefe. 20 Minuten Schönheit, zwei Stunden Fadesse. Es heult. Es tröpfelt. Es ist still. Gibt es Eisbären in Grönland? Vielleicht. Werden wir alle sterben? Gewiss. Sind die Ressourcen des Schweizer Basislagers erschöpft? Höchstwahrscheinlich. Tu so, als ob du schliefst. Die Inuit sagen dazu: „Siningnguaqtutit.“

Mitwirkende: Marc Bodnar, Raphael Clamer, Bendix Dethleffsen, Rosemary Hardy (musikalische Leitung), Ueli Jäggi, Jürg Kienberger, Gazzaalung Qavigaaq, Sasha Rau, Bettina Stucky, Nukaka Coster Waldau. Weitere Termine im MQ: 14 und 15. Mai, 19.30 h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2011)