Weshalb sich selbst in ein Auto und dieses nach tagelanger Suche in einen Parkplatz zwängen?
Freiheitsfanatiker, als die wir uns ja alle gern verstehen, hassen kaum etwas mehr: In einem Auto festgezurrt mit angewinkelten Beinen sitzen zu müssen und sich in einem beim besten Willen nicht mehr erfassbaren Wald aus Verbots- und Gebotsschildern zu verlieren. Erniedrigender scheint nur die Benützung von Verkehrsmitteln, die als öffentliche bezeichnet werden. Wer kann schon von sich sagen, gern zu telefonieren, wenn mindestens 100 Fremde zuhören? Befremdlich.
Dabei kann telefonieren unterwegs, auch außerhalb des Pkw, so bequem sein. Noch nie etwas von den Vorzügen des Radfahrens gehört? Zumindest auf Nicht-Kopfsteinpflaster reicht eine Hand, die die Lenkstange umklammert. Nein? Aber es gibt auch andere Vorzüge des Radfahrens, wie die befriedigten Blicke der auf dem Sattel Sitzenden vermuten lassen. Auf dem Fahrrad, da ist sie noch, jene Freiheit, die wir sonst so oft vermissen. Allein der Fahrtwind im Gesicht – ein Gedicht. Und die Nonchalance, mit der alle Verkehrsregeln gebrochen werden. Muss offenbar ein unvergleichlicher Genuss sein. Radfahrer sind eben die wahren Anarchisten einer Großstadt – zügellos, ohne Hemmungen. Peinlich kann es für diese Freiheitsapologeten nur werden, wenn sie nicht anonym bleiben. Wenn eine Kollegin einen Kollegen zur Rede stellt, ob tatsächlich er es gewesen sei, den sie vor Kurzem in der Innenstadt gegen die Einbahn fahrend gesehen hat. Oder wenn eine noch sehr junge Kollegin all ihren Mut zusammennimmt, um einen Kollegen des Fahrens durch eine Wohnhausanlage zu bezichtigen. Ich habe beide Male nicht gestanden.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2011)