Wer nach New York blickt, entdeckt Chancen

Fabio Luisi ist wie „Figaro“ – Fabio hier, Fabio da, Fabio dort auch noch: Ein Mann mischt die Szene auf.

Die Musikwelt schielt nach New York. Dort bewältigt ein schwer kranker Musikdirektor mit Mühe – aber hörbar nach wie vor mit enormer Kompetenz – weltweite Übertragungen von Wagners „Walküre“, muss im Übrigen aber oft absagen: James Levine ist nach langen Jahren der konsequenten Opernarbeit erschöpft. Fabio Luisi ersetzt ihn seit geraumer Zeit immer wieder und gilt als logischer Kandidat für die Levine-Nachfolge in Amerikas führendem Opernhaus.

Für die europäischen Kommentatoren interessant: Luisi hat einen Vertrag als Generalmusikdirektor der Zürcher Oper unterschrieben – geplanter Amtsantritt: 2012. Er ist auch Chef der Wiener Symphoniker – demnächst wird über seinen Nachfolger diskutiert werden.

Wie auch immer sich das alles für den umtriebigen Dirigenten ausgehen wird, die Met steht im Blickpunkt. Sie vermarktet auch wie kein zweites Haus ihr Image! Die Kinoübertragungen von Liveaufführungen macht man ihr inzwischen weltweit nach.

Sie generieren neues Publikum. In Wahrheit interessieren sich ja offenbar mehr Menschen denn je für klassische Musik. Mit den Vermarktungschancen mehren sich die „Konsumenten“.

Die Met hat diesbezüglich stets an vorderster Front agiert. Dank regelmäßiger Rundfunkübertragungen besitzt das Haus auch ein ansehnliches Archiv an Livemitschnitten. Sony hat gerade wieder einige davon auf CD veröffentlicht. Dabei lernt der europäische Musikfreund auch etwas über die Interpretationsgeschichte in der „Alten Welt“.

„Fidelio“ etwa mit Birgit Nilsson, Jon Vickers, Hermann Uhde und Oskar Czerwenka hätte auch Ende der Fünfzigerjahre in Wien stattfinden können. Und Karl Böhm, damals gerade bös auf Wien, waltet – apropos Kompetenz – im Orchestergraben mit der für ihn legendären Umsicht, vor allem aber mit einem Feuer, das spätestens in der „Leonoren-Ouvertüre III“ vor dem Schlussbild eine Explosion zündet.

Gewiss, es finden sich in dieser Monoaufnahme, die technisch keineswegs ideal ausbalanciert ist, jede Menge kleinere und größere Fehler, wie sie live nun einmal passieren. Aber der dramatische Atem, der hier herrscht, lässt alles hinter sich, was heutzutage – bei zugegeben weniger Ausrutschern – bei Opernaufführungen geboten wird. „Leonore III“ ist dabei ein Fall für sich: Früher hatte man stets den Eindruck, sie musiziere sich sozusagen von selbst– ungefähr so wie auf der Met-CD...

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2011)

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