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IWF-Sexaffäre: Griechen zittern um Hilfspaket

(c) Dapd (Cliff Owen)

Die Festnahme des IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn am Samstagnachmittag in New York wegen sexueller Nötigung sorgt für Nervosität in Europa. Ist die Rettung Griechenlands in Gefahr?

Wien/Kor./R.b./Ag. Was hat eine mutmaßliche Sexaffäre mit der Euro-Schuldenkrise zu tun? Jede Menge, wie sich jetzt herausstellt: Jener Mann, dem vorgeworfen wird, am Wochenende in einem New Yorker Hotel ein Zimmermädchen sexuell genötigt zu haben, ist nämlich der Chef des Internationalen Währungsfonds, Dominique Strauss-Kahn. Und das ist just auch jener Mann, der keine unbedeutende Rolle bei den Verhandlungen über die Rettung der arg gebeutelten Euroländer Griechenland und Portugal spielt.

Strauss-Kahn wurde am Samstagnachmittag in New York festgenommen. Am Sonntag hätte er von der deutschen Kanzlerin Angela Merkel in Berlin empfangen werden sollen, um die Lage im hoch verschuldeten Griechenland zu erörtern. Der Termin musste natürlich abgesagt werden. Heute, Montag, hätte der 62-Jährige am Treffen der Euro-Finanzminister in Brüssel teilnehmen sollen. Die Finanzminister wollen bei dem Treffen unter anderem den Rettungsplan für Portugal beschließen.

IWF: „Sind handlungsfähig“

„Die Affäre kommt zu einem schlechten Zeitpunkt“, sagte ein EU-Diplomat am Sonntag in Brüssel mit Blick auf die Verhandlungen über das Hilfspaket für Portugal und mögliche neue Hilfen für Griechenland, an denen der IWF beteiligt ist. Und das ist noch sehr zurückhaltend formuliert. In Wahrheit könnte die Affäre Strauss-Kahn vor allem den Fahrplan zur Lösung der Griechenland-Krise ordentlich durcheinanderbringen. Die griechische Regierung zeigte sich gestern jedenfalls äußerst besorgt, dass es zu Verzögerungen bei notwendigen Hilfspaketen kommen könnte. Worauf der IWF schleunigst auf Beschwichtigungstour ging: Der Währungsfonds sei, so hieß es, trotz der Festnahme seines Chefs „vollkommen handlungsfähig“.

Technisch mag das durchaus zutreffend sein. Nur: Der Sozialist Strauss-Kahn ist ein Mann, der sich gut mit den regierenden Sozialisten in Griechenland versteht. Und so eine gute Gesprächsbasis ist schon viel wert, wenn es darum geht, mit den Griechen drastische Spar- und Reformprogramme auszuverhandeln. Der IWF trägt ein Drittel der Milliardenhilfen für Griechenland in Höhe von 110 Milliarden Euro. Inzwischen wird aber über weitere Hilfen an Athen diskutiert. Das wird schwierig angesichts eines IWF, der wohl dank der Affäre Strauss-Kahn vor allem mit sich selbst beschäftigt ist.

Bei der Affäre selbst steht Aussage gegen Aussage. Eine 32-jährige Hotelangestellte des „Sofitel“ am Times Square in Manhattan erhebt jedenfalls schwere Vorwürfe gegen Dominique Strauss-Kahn – „DSK“, wie er generell genannt wird. Dort ist der IWF-Chef vor seinem geplanten Flug nach Berlin abgestiegen. Das Zimmermädchen berichtet, sie habe seine Suite am Samstag um 13 Uhr Ortszeit betreten und diese leer gewähnt. Plötzlich sei der Gast splitternackt aus der Dusche gekommen und habe sich auf sie gestürzt, sie aufs Bett geworfen, sie zu oralem Sex gezwungen. Und obschon ihr Angreifer die Zimmertür verriegelt habe, sei es ihr gelungen, zu fliehen und ihre Kollegen zu alarmieren. So ungefähr wurden ihre Aussagen vor einem Polizeisprecher zusammengefasst. DSK seinerseits stellte alles rundum in Abrede und hatte gestern laut Anwälten die Absicht, vor dem Richter, der über seine weitere Inhaftierung oder Freilassung gegen eine Kaution zu entscheiden hatte, auf unschuldig zu plädieren.

Nicht zugunsten von DSK spricht zunächst einmal sein einschlägiger Ruf als Schürzenjäger. Bereits im Jahr 2008 hat er für Schlagzeilen gesorgt, nachdem seine kurze Affäre mit einer IWF-Volkswirtin Ermittlungen nach sich gezogen hat. Im Zentrum stand der Vorwurf, Strauss-Kahn habe seine Macht missbraucht, um seiner Geliebten Vorteile zu verschaffen. DSK entschuldigte sich öffentlich (mit seiner Ehefrau zur Seite) und durfte an der IWF-Spitze bleiben.

Im aktuellen New Yorker Fall belastet Strauss-Kahn aber weniger die Vergangenheit als die Tatsache, dass er bei seiner von der „New York Times“ als „überstürzt“ bezeichneten Abreise aus dem „Sofitel“ vor dem Eintreffen der Polizei sein Mobiltelefon und andere persönliche Gegenstände zurückgelassen habe.

Verhaftung ohne Handschellen

Zehn Minuten vor dem Abflug der Air France nach Paris wurde DSK von der Polizei im Flugzeug festgenommen und sehr diskret ohne Handschellen in ein Kommissariat in Harlem eskortiert, wo er vorerst zur Einvernahme inhaftiert blieb. Im Fall eines Schuldspruchs vor einem US-Gericht würde DSK eine Verurteilung zu einer Höchststrafe von 15 Jahren Gefängnis drohen. Strauss-Kahn wird sexuelle Nötigung, versuchte Vergewaltigung und Freiheitsberaubung vorgeworfen.
Analyse, Porträt Seite 2

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2011)