Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Wie der Mossad und Sarkozy Strauss-Kahn hereinlegten

Der Chef des IWF, der sich wie ein brünstiger Schimpanse aufführt? Ganz sicher nicht: Hinter dem Vergewaltigungsvorwurf steckt eine internationale Verschwörung.

Subtext

Falls es da draußen noch irgendjemanden gibt, der nicht glaubt, dass Dominique Strauss-Kahn Opfer einer Verschwörung wurde, dann werden ihn die folgenden sechs (!) Zeilen überzeugen:

Die Nummer des Zimmers, in dem es zu dem angeblichen Vergewaltigungsversuch kam, ist 2806. Und am 28.06. endet die Bewerbungsfrist der Sozialisten für die französische Präsidentschaft. Na bitte!

Außerdem: Wenn man die Zahlen 2, 8, 0 und 6 zusammenzählt, kommt man auf 16. Darin sind die Zahlen 3, 5 und 7 enthalten – heilige Zahlen der Freimaurer! –, und wenn man von 16 drei abzieht, ergibt das 13 – und das bedeutet Unglück. Genauer erklärt das die Kollegin auf Seite 21, aber so viel ist nach der Rechnerei wohl klar: Es war ein Komplott.

In Zeiten des Internets gibt es kein Ereignis mehr, das nicht umgehend auf seine verschwörungstheoretische Tauglichkeit geprüft wird. Hinter allem steckt irgendetwas. Das ist seit dem Attentat auf John F. Kennedy klar, der ja nicht einfach nur von Lee Harvey Oswald erschossen wurde, sondern von der Waffenindustrie, die fürchtete, dass er den Vietnam-Krieg beendet. Oder die Anschläge vom 11. September: ein Job der CIA. Und jetzt eben Strauss-Kahn.

Es kann ja nicht sein, dass der oberste Währungshüter der Welt wie ein brünstiger Schimpanse über ein Zimmermädchen herfällt – auch wenn ihn eine französische Journalistin genau so beschrieb, über die er angeblich auch schon einmal herfiel.

Nein, es waren nicht die Triebe. Dominique Strauss-Kahn wurde hereingelegt. Ausgetrickst von Nicolas Sarkozy, der sich eines ernsthaften Konkurrenten für die französische Präsidentschaft entledigen wollte. Schließlich hatte Strauss-Kahn ja genau diese Szenario vor wenigen Wochen im „Off“ eines Interviews durchgespielt. Mit einem Vergewaltigungsvorwurf werde man ihn anschwärzen, hatte er betont. Et voilà.

Wer hat denn als Erster über die Verhaftung des IWF-Chefs getwittert – übrigens zehn Minuten, bevor Strauss-Kahn überhaupt festgenommen wurde? Jonathan Pinet, ein Mitglied von Sarkozys Partei. Wer leitete das Twitter als Erster weiter? Arnaud Dassier, der 2007 den Wahlkampf von Sarkozy im Internet organisierte. Und das erste Medium, das über die Festnahme berichtete? Der konservative Blog 24heuresactu.com. Das zusammen sind mehr Rechte, als bei HC Straches letzter Geburtstagsfeier.

Es war also so: Um den hoffnungsvollen Präsidentschaftskandidaten auszuschalten, schickte der französische Geheimdienst im Auftrag Sarkozys einen Agent Provocateur in das Zimmer. Und wenn es nicht die Franzosen waren, dann war es der Mossad. Warum der gegen einen Juden vorgehen soll? Das weiß niemand so genau, aber der Mossad ist immer gut für eine Verschwörung.

Möglicherweise waren es auch Broker der nahen Wall Street, die mit Credit Default Swaps auf eine Pleite Griechenlands gewettet hatten, und denen der IWF mit seiner finanziellen Hilfe einen Strich durch die Millionenrechnung gemacht hat.

Vielleicht war es am Ende doch keine Verschwörung, vielleicht stimmt die Theorie, die ein Kommentator im „Kurier“ vertrat: Strauss-Kahn wollte sich keinen Wahlkampf antun, seine Seele habe sich deshalb auf diese Weise Luft gemacht. Die Attacke sei „ein hervorragendes Beispiel für den berühmten freudschen Fehler“.

Haben wir schon die Theorie erwähnt, wonach Strauss-Kahn ein Außerirdischer ist und die Attackierte von einem anderen, verfeindeten Planten kommt? Die klingt im Vergleich dazu ziemlich glaubwürdig.

 

E-Mails an: norbert.rief@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2011)