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Der Nordpol soll zu Dänemark

(c) Dpa (A0009 Helfried Weyer)
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Die Regierung in Kopenhagen will angeblich im Juni einen Gebietsanspruch auf die Nordspitze der Erde erheben. Streit ist programmiert. Dänemark setzt Dänemark auf Ölförderung vor Grönland.

Kopenhagen. Im seit einigen Jahren ernster werdenden Wettlauf um Besitzrechte am Nordpol sowie an Meeres- und Meeresbodenflächen ringsum geht Dänemark in die Offensive. Der Pol gehöre geologisch zum Kontinentalsockel Grönlands und somit unter dänische Hoheit, meint die Regierung in Kopenhagen. Auf große Öl- und Gasfunde dort hofft sie allerdings offenbar nicht.

In einer neuen „Arktis-Strategie“, die im Juni publiziert werden soll, will Kopenhagen erstmals die Einbeziehung des Nordpols in die „dänische Reichsgemeinschaft“ zum politischen Ziel erklären. Die Zeitung „Information“ kam vorzeitig in den Besitz des Papiers, das die Regierung gemeinsam mit Vertretern der autonomen dänischen Reichsgebiete Grönland und Färöer erarbeitete. Darin heißt es, das Königreich Dänemark werde Ansprüche auf fünf arktische Gebiete stellen, „darunter den geografischen Nordpol“.

Damit kommen die Dänen mit den anderen Anrainern des Polarmeers, die dort ausschließliche Wirtschaftszonen eingerichtet haben (die USA, Russland, Kanada, Norwegen), in Konflikt – vor allem mit Russland, das den Pol mehrfach explizit als russisches Territorium bezeichnet hat. Auch Kanada beansprucht den geografischen Nordpol.

 

Ringen um Gebirgsrücken im Meer

Bis 2014 müssen die Arktis-Anrainer laut Seerecht ihre Territorialforderungen bei den Vereinten Nationen angemeldet haben, die darüber entscheiden. Dänemark will nun beweisen, dass der „Lomonossow-Rücken“, ein unterseeischer Gebirgszug, der vom Kontinentalsockel vor Sibirien bis vor Grönland reicht, eine Fortsetzung des grönländischen Sockels sei; das soll den Anspruch auf das Gebiet erhärten. Nach Moskauer Lesart ist dasselbe Gebirge aber natürlich (und geologisch eindeutiger) Teil Russlands, aber auch die Regierung in Ottawa hält es für eine Erweiterung des kanadischen Schelfs.

Zudem verbindet noch ein Gebirge am Meeresboden Kanada mit Sibirien, nämlich der „Alpha-Rücken“, worauf weitere Forderungen fußen. Rund 1,2 Millionen Quadratkilometer Eismeer sind Niemandsland, da sie fern der 200-Seemeilen-Zonen vor den Küsten der Anrainer liegen. Wer aber beweist, dass sich sein Festlandsockel (die geologische Fortsetzung des Festlandes) noch weiter hinaus erstreckt, kann Gebiete bis 350 Seemeilen vor der Küste beanspruchen.

 

Russische Flagge am Meeresgrund

Bisher trieb Moskau die Hoheitsansprüche am aktivsten voran, angefangen mit der Aktion vor vier Jahren, als ein U-Boot in mehr als 4000 Meter Tiefe die russische Flagge in den Boden unter dem Pol rammte. Russland werde seine Interessen „aggressiv verfolgen“, sagte Präsident Dmitrij Medwedjew. Nun setzt Dänemark dagegen, obwohl Grönlands Regierungschef, Kuupik Kleist, früher sagte, dass der Nordpol „Eigentum der gesamten Menschheit“ bleiben solle. Doch ein gemeinsames Verwaltungsmodell nach Vorbild der Antarktis stößt auf Ablehnung.

Großen wirtschaftlichen Nutzen erhofft sich Kopenhagen indes nicht. Zwar werden in der Arktis 30Prozent der Erdgas- und 13 Prozent der Ölreserven vermutet, doch die größten Vorkommen liegen in küstennahen Gebieten, deren Zugehörigkeit klar ist. Unter dem Pol erwarte man „keine Öl- und Gasfelder von Bedeutung“, heißt es im dänischen Papier; sollte es doch Funde geben, mache die Meerestiefe die Nutzung sehr schwierig.

Dafür setzt Dänemark auf Ölförderung vor Grönland. Trotz Warnungen vor Umweltkatastrophen will die autonome Regierung in Nuuk selbst die vereisten Wasser im Nordosten für die Ölsuche öffnen. Kopenhagen und Nuuk sind sich einig, dass die Entwicklung der Vorkommen „unter Rücksicht auf die Grönländer“ geschehen solle: Die dortige Regierung müsse die Bedingungen für Suche und Ausbeutung festlegen. Die Förderung solle unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen, aber auch mit Rücksicht auf „Grönlands Bedarf nach wirtschaftlicher Entwicklung“ passieren, besagt das Strategiepapier.

 

Menschen wichtiger als Eisbären

Die erhofften Ölmilliarden gelten als einzige Chance Grönlands, wirtschaftlich unabhängig zu werden. Grönländische Politiker drängten darauf, dass in der internationalen Debatte die Interessen der Menschen in der Arktis schwerer wiegen müssten als „der starke Fokus auf Umwelt, Eisbären und Klimawandel“, schreibt „Information“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18. Mai 2011)