Biologie: Aufgestanden, um zu kämpfen?

(c) AP (MITSUNORI CHIGITA)
  • Drucken

Eine neue Hypothese zur Erklärung des aufrechten Gangs setzt auf die Kampfkraft: Die Menschen hätten sich vor über vier Millionen Jahren auf Dauer erhoben, weil man mit freien Armen und von oben härter schlägt.

Der aufrechte Gang macht den Menschen, aber was machte den aufrechten Gang, warum haben unsere Ahnen sich vor über vier Millionen Jahren auf Dauer erhoben? Die Liste der Hypothesen ist lang: Es habe der Befreiung der Hände zum Werkzeuggebrauch gedient; es habe die Beine zum rascheren Laufen gebracht; es sei eine Antwort auf den Klimawandel gewesen, der Afrikas Wälder schrumpfen und die Savannen wachsen ließ; es sei von der Hitze in den Savannen gekommen, aufrechte Körper führen mehr Wärme ab; es habe Überblick im Gras der Savannen gewährleistet. Und weil es in den Savannen auch Flüsse und Seen gibt: Die frühen Menschen seien hineingewatet, auf der Suche nach Nahrung oder Schutz vor Raubtieren, und im Wasser komme man eben auf allen Vieren nicht weit, der Mensch sei der „aquatische Affe“.

Hände frei zum Schlag


All das ist ungesichert und umstritten. Und bei all dem blieb eine Perspektive unterbelichtet, auf die schon Darwin hingewiesen hatte: Wer die Hände frei hat, hat sie nicht nur für Werkzeuge frei, sondern auch zum Zuschlagen (mit der Faust oder mit Waffen). Und zugeschlagen wird nicht nur auf Beute, sondern auch auf Artgenossen, vor allem dann, wenn die Männchen um Macht und um Weibchen kämpfen. Dabei ist biomechanisch im Vorteil, wer von (weiter) oben schlagen kann, David Carrier (University of Utah) hat es gezeigt: Er hat Testpersonen in zwei Positionen – auf allen Vieren und aufrecht – in vier Richtungen auf einen Punching-Ball mit integrierten Messgeräten schlagen lassen, nach oben und unten, nach rechts und links. In beiden Positionen – auf vier Füßen wie auf zweien – hat ein Schlag nach unten 2,3 Mal so viel Kraft wie einer nach oben.
Und von je weiter oben er kommt, desto härter ist er: Schläge von oben nach unten haben im Stehen 44 Prozent mehr Kraft als auf allen Vieren, Schläge zur Seite gar 64. Das hat damit zu tun, dass die Wucht des ganzen Körpers in den Schlag gelegt werden kann; bei Vierfüßern hingegen bleibt der zweite Arm beim Schlag auf dem Boden, das bremst den Schwung. Zudem erhöht Zweibeinigkeit nicht nur die Schlagkraft, sondern auch die Reichweite, Vierbeiner können beim vertikalen Schlag nicht die volle Länge ihrer Vorderbeine nutzen, nur die halbe.

Der „aggressive Affe“


Deshalb erheben sich viele Tiere, wenn es zum Kampf bzw. vorher zum Drohen kommt, Katzen, Hunde und Bären tun es, Menschenaffen tun es, und zwar besonders häufig, sie bzw. ihre Männchen sind innerartlich aggressiver als andere Säugetiere; und je näher sie dem Menschen stehen, desto aggressiver sind sie, außer uns ziehen nur Schimpansen in Tötungsabsicht gegen Nachbarn, und wenn sie einen erwischen, sorgen sie zuerst dafür, dass er aus der aufrechten Position kommt.
Aber nach dem Kampf gehen alle anderen wieder auf alle Viere herab. Nur der Mensch erhob sich auf Dauer, er ist der „aggressive Affe“, vermutet Carrier. Er hat auch eine Erklärung dafür, warum das so lange nicht bemerkt wurde: „Akademiker wollen oft nicht sehen, dass die Menschen eine aggressive Art sind. Es gibt den Wunsch, uns friedlicher zu sehen, als wir sind“ (PLoS One, 18. 5.).
Aber größer sehen manche von uns die anderen schon gern: Viele Studien haben gezeigt, dass große Männer für Frauen attraktiver sind, man hat es damit erklärt, dass Größe „gute Gene“ signalisiere. Aber Männer finden eher durchschnittlich große oder kleinere Frauen attraktiv. Deshalb geht es für Carrier bei der Wahl der Männer durch Frauen nicht generell um Gene, sondern direkt um die Größe: Wer von weiter oben zuschlägt, kann seine Familie (und deren Ressourcen) besser schützen.
Aber warum wirkt Körpergröße dann heute noch? „In einer Welt der automatischen Waffen hat die Körperkraft wenig Relevanz in den Konflikten zwischen Männern“, schließt Carrier, „aber Gewehre gibt es erst seit weniger als 15 Generationen.“

Vor sieben Mio. Jahren erhob sich unser erster Ahn (Sahelanthropus tchadensis) temporär zum aufrechten Gang; vor 4,2 Millionen Jahren etablierten ihn Australopithecus. Allerdings waren sie wohl zeitweise noch in den Bäumen. Endgültig erhob sich Homo erectus vor 1,8 Mio. Jahren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2011)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.