Kämpferische Studenten quer durch Europa

Kaempferische Studenten quer durch
(c) REUTERS (STEFAN WERMUTH)

In Finnland besitzen die Studentenvertreter Immobilien, in Estland vergeben sie die Sozialzuschüsse, in Deutschland werden sie wegen ihres politischen Engagements gerügt. Ein Reise durch Europa.

Die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) gibt sich in ihrem Auftreten politisch selbstbewusst und kann als Legitimation doch nur auf eine geringe Wahlbeteiligung verweisen. Damit ähneln die österreichischen Studentenvertreter den meisten europäischen Studentenverbänden.

Finnland – Verbände mit Immobilienbesitz

In der Struktur gleicht das finnische System dem österreichischen. Es gibt die „Yliopiston Ylioppilaskunta“ (YY) – die Nationale Studierendenschaft – mit ihren jeweiligen Vertretungen an jeder der 17 finnischen Unis. Per Gesetz sind die Studierenden zur Mitgliedschaft verpflichtet. Für 50 Euro pro Semester wird einiges geboten, das Angebot reicht von Kultur über Sport bis zur Gesundheitsversorgung. Je älter, desto reicher sind die Verbände: Allein die Studentenunion Helsinki verfügt über mehrere Immobilien im Stadtzentrum und über Aktiva von einer halben Milliarde Euro. Nicht nur in Anbetracht der finanziellen Möglichkeiten könnte die ÖH neidisch sein: In seltenen Fällen kann die YY sogar Entscheidungen des Bildungsministeriums überstimmen.

Frankreich – die jungen, intellektuellen Arbeiter

Obwohl die bereits 1907 gegründete „Union Nationale des Etudiants de France“ (UNEF) in jeder Universitätsstadt eine Unterorganisation hat (in Paris sogar an jeder Uni), zählt sie lediglich 30.000 Mitglieder. An ihrem starken politischen Auftreten ändert das allerdings nichts. Die Ausrichtung des sozialistisch dominierten Verbands zeigt sich schon in der Bezeichnung der Studierenden („junge, intellektuelle Arbeiter“). Nach politischen Streitereien und einer Aufspaltung in unterschiedliche Fraktionen wurde ihre Stimme erst mit den massiven Protesten in den Jahren 2006 und 2008 wieder lauter.

Großbritannien – kämpferisch wie lange nicht mehr

Fast alle Studierenden des Vereinigten Königreichs sind Teil der im Jahr 1922 gegründeten „National Union of Students“ (nus), inklusive ihrer Schwesterorganisationen für Schottland, Wales und Nordirland. Es fehlen lediglich die Studierenden einiger Elite-Unis, wie der im schottischen St. Andrews. Wie in Frankreich war und ist der Verband sozialistisch geprägt. Kritiker bemängeln, dass die nus zu viel Geld in zu viele unnütze Aktionen gesteckt habe. Im Licht der anstehenden Budgeteinschnitte sind diese Stimmen leiser geworden, der Studentenverband scheint so kämpferisch zu sein wie lange nicht mehr.

Deutschland – der Streit um das politische Mandat

Mit beinahe einer Million Studenten vertritt der „Freie Zusammenschluss von StudentInnenschaften“ (fzs) etwa die Hälfte aller deutschen Hochschüler. Nachdem ihre Vorgängerorganisation – der „Verband deutscher Studentenschaften“ – im Jahr 1990 zerbrach, dauerte es drei Jahre bis zur Gründung des fzs. Anfangs unpolitisch, beansprucht der Verband mittlerweile ein allgemeinpolitisches Mandat. Dass das nicht nur auf Zustimmung stößt, zeigt ein Gerichtsurteil aus dem Jahr 2005: Es sei nicht die Aufgabe des fzs, sich zu allgemeinen politischen Fragen zu äußern – und damit unzulässig.

Schweiz – Studentische Wahlen gibt es nicht

Der „Verband der Schweizer Studierendenschaften“ (Union des Etudiant-e-s de Suisse, Unione Svizzera degli Universitari) vertritt seit dem Jahr 1920 studentische Interessen auf eidgenössischer Ebene. Der Verband ist parteipolitisch neutral und als Verein organisiert. Wahlen, bei denen alle Studenten für ihre Vertreter stimmen können, gibt es deshalb nicht. Ziele sind vor allem die Gleichstellung von Mann und Frau, Solidaritätsarbeit und Hochschulpolitik. Außerdem setzt der VSS auf internationale Kontakte. Die wohl bekannteste Universität der Schweiz, die ETH Zürich, ist nicht Mitglied des VSS.

Norwegen – geringe Bedeutung der Studenten

Die „Nationale Studierendenunion“ (NUS) besteht aus 44 Untergruppen, der Vorstand konstituiert sich allerdings aus nur sechs Mitgliedern. „Mehr braucht es auch nicht, denn wir haben nur die Vollmacht, über studentische Angelegenheiten zu diskutieren“, sagt Mandatarin Julie Ness. Außer einer Versicherung bietet die NUS nichts an, die Untergruppen betreiben aber Cafeterias, Bücherläden sowie auch Kindergärten und medizinische Einrichtungen. Die Wahlbeteiligung liegt durchschnittlich unter 20 Prozent, ein möglicher Grund für die geringe Bedeutung der Studentenunion – oder umgekehrt.

Estland – große Mitsprache in finanziellen Fragen
Nur drei Monate nach der Unabhängigkeit Estlands wurde der „Eesti Üliõpilaskondade Liit“, kurz EÜL, gegründet. Heute vertritt der Estnische Studierendendenrat 95 Prozent aller Studenten. In Europa ist die Vereinigung eine der mächtisgen, sie hat ein hohes Maß an Autonomie. Mitgliedsbeiträge existieren nicht, an manchen Unis regelt der EÜL dafür die sozialen Zuschüsse an die Studierenden. Besonders im finanziellen Sektor hat der Verband großes Mitspracherecht. Einer seiner Repräsentanten sitzt im Staatskomitee für die Finanzierung höherer Bildung. Die Wahlbeteiligung liegt allerdings – und damit ist auch Estland Österreich nicht so unähnlich – dennoch nur bei 25 Prozent.