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„Es herrscht eine gewisse Frustration“

herrscht eine gewisse Frustration
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Interview. Allan Päll von der European Students' Union über studentischen Idealismus, geringen Einfluss und die fehlende Sichtbarkeit der Studentenvertreter.

UniLive: Viele österreichische Studenten haben noch nie von der European Students' Union (ESU) gehört. Überrascht Sie das?
Allan Päll: Nicht wirklich, weil wir eine Dachorganisation der nationalen Studentenvertretungen sind. Außerdem liegt Bildung nicht in europäischer Kompetenz, sondern in der Hand der einzelnen Mitgliedstaaten. Deshalb ist der Einfluss der ESU auf das Leben der Studierenden nicht so unmittelbar, sondern eher indirekt. Etwa bei der Aushandlung des Bologna-Prozesses, wo wir diejenigen waren, die die Position der Studierenden vertreten haben.

Die Studentenvertreter haben auf nationaler Ebene oft schon wenig Einfluss, auf europäischer noch weniger. Ist das nicht manchmal frustrierend?
Ja, es herrscht eine gewisse Frustration. Das mag auch daran liegen, dass Studierende sehr idealistisch sind, und das sollten sie auch sein. Studierende wünschen sich immer mehr Einfluss, als sie haben. Aber sie können die Dinge sehr wohl beeinflussen, eben auf einem sehr niedrigen Level. Sie bestimmen etwa bei der Ausarbeitung von Studienplänen mit und sie sind in Qualitätsüberprüfungen eingebunden und sitzen in Gremien (in Österreich etwa im Uni-Senat, Anm.). In vielen Ländern haben es die Studierenden auch geschafft, Menschen zu mobilisieren, wenn es um große Reformen oder die Frage der Finanzierung ging.

Nur ein Viertel der Studenten hat bei letzten ÖH-Wahlen gewählt. Ist Österreich das einzige Land, in dem die Wahlbeteiligung so niedrig ist?
Nein, im europäischen Vergleich ist das eigentlich keine ungewöhnliche Zahl.

Ist das nicht besorgniserregend?
Man muss sich ansehen, was die Gesamtzahl der Studierenden ausmacht: Viele studieren nur nebenbei, andere auf Distanz. Die Frage der Mitbestimmung steht für sie dann oft nicht so sehr im Zentrum. Aber es geht natürlich auch darum, sichtbarer zu machen, was die Studentenvertretungen leisten.

Was ist für die ESU derzeit das brennendste Thema in der Uni-Politik?
Derzeit ist das bestimmt die Finanzierung, die in vielen europäischen Ländern zurückgeschraubt wird. Einerseits bedeutet das, dass die Studierenden vielerorts stärker zur Kasse gebeten werden. Andererseits, dass die Qualität der höheren Bildung sinkt. Die Universitäten bekommen weniger Mittel für Lehre und Forschung, gleichzeitig steigen aber die Studierendenzahlen. Hier gibt es ein klaffendes Loch, in das niemand Geld hineinstecken will.

Was tut die ESU dagegen?
Im Moment untersuchen wir, wie sich die Situation in den einzelnen Ländern verändert. Diese Informationen geben wir dann an die nationalen Studentenvertretungen weiter. Denn es geht nicht nur darum, auf die Straße zu gehen und zu protestieren, man braucht auch stichhaltige Argumente.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2011)