Liquiditätsstudie: Unternehmen sitzen auf Geldsäcken

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Nur vier der ATX-Unternehmen verfügen über fast die Hälfte der Barbestände von neun Mrd. Euro. Der Cashflow nähert sich wieder alten Höchstständen. Bei Investitionen halten sich die Firmen aber noch zurück.

Wien/Eid. Österreichische und deutsche Unternehmen haben wieder viel Geld auf der hohen Kante: Mit neun bzw. 121,5 Mrd. Euro erreichte der Cashbestand der 107 von der Unternehmensberatung PricewaterhouseCoopers untersuchten Unternehmen, die im ATX und Prime Market bzw. DAX und MDAX notieren, Ende 2010 einen Rekordstand. Das ist deutlich mehr als in den Krisenjahren 2008 und 2009 (siehe Grafik). Der Grund für die vollen Kassen: Die Firmen (Banken und Versicherungen wurden nicht analysiert) verdienen in ihrem angestammten Geschäft wieder sehr gut. Der Cashflow nähert sich wieder alten Höchstständen.

„Die Unternehmen bunkern viel Geld, um ihr eigenes Geschäft abzusichern, aber auch, um für Zukäufe gerüstet zu sein“, umriss Helmut Kern, Consulting-Chef bei PWC, die Kernaussage des „Liquiditätsreports“ für das vierte Quartal 2010, bei dem erstmals auch Deutschland betrachtet wurde. Allerdings werden die Geldsäcke nur zaghaft aufgeschnürt: Zwar liegen die Investitionen mit 3,54 Mrd. Euro wieder auf Vorkrisenniveau (der Wert wurde zuletzt im vierten Quartal 2008 erreicht). Aber Geld fließt vor allem in die Optimierung des laufenden Geschäfts, weniger in langfristige Projekte. Nur die OMV hebt sich mit dem Einstieg in Tunesien ab. Kern wertet dies als Indiz dafür, dass die Konzerne weiter vorsichtig sind und eine neue Krise bzw. eine Abkühlung der wieder gut laufenden Konjunktur nicht ausschließen.

Gut gerüstet für Zukäufe

Kern findet diese Strategie gut: Zieht die Konjunktur weiter an, könne ein hoher Geldbestand nicht schaden: „Die Unternehmen sind gut gerüstet, um Akquisitionen beim Anlaufen des nächsten Zyklus gut umsetzen“, sagte Kern.

Ein Blick ins Detail zeigt jedoch, dass die Geldsäcke ungleich verteilt sind: Nur vier Konzerne verfügen hierzulande zusammen über fast die Hälfte der Barbestände: Cash-Kaiser ist der Baukonzern Strabag mit 1,95 Mrd. Euro vor Andritz (1,188 Mrd. Euro), der Voest (1,028 Mrd. Euro) und der OMV (946 Mio. Euro). Dünn sieht es hingegen bei Frauenthal (3,4 Mio. Euro), AT&S (3,79 Mio. Euro) und Wolford (7,95 Mio. Euro) aus.

In Deutschland verfügt VW mit 18,7 Mrd. Euro über die am prallsten gefüllte Kasse, gefolgt von Siemens, Daimler und BMW, womit sich die Stärke der Autokonzerne zeigt. Die Kabel Deutschland hingegen hat als einziges von PWC untersuchtes Unternehmen ein negatives Eigenkapital.

Bei der Eigenkapitalquote sieht das Ranking ganz anders aus: Es führt hierzulande das Glücksspielunternehmen Century Casinos mit 81,5Prozent vor Mayr-Melnhof (64,5Prozent) und Semperit (59,15 Prozent). Schlusslicht ist die Warimpex mit 14,5Prozent, wobei man allerdings die verschiedenen Geschäftssparten berücksichtigen müsse, meinte Kern. In Deutschland liegt die Optikerkette Fielmann mit 76Prozent vorn, und die Autokonzerne liegen mit 21 bis 28 Prozent im Mittelfeld. Im Schnitt liegt die Eigenkapitalquote in Österreich mit 41,8Prozent deutlich über jener in Deutschland (33,6 Prozent). 75 Firmen haben mehr als ein Drittel an Eigenkapital.

Keine Börsengänge in Sicht

Die von den Vorständen der Wiener Börse geäußerte Hoffnung auf Neuzugänge kann Kern nicht teilen. Er sieht für heuer keinen Börsengang mehr. Und: „Ein Viertel der jetzt gelisteten Unternehmen ist in fünf Jahren verschwunden – weil sie gekauft oder insolvent wurden oder einfach selbst wieder die Notierung zurückziehen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.05.2011)

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