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Freimaurer: "Den Verstand erhellen"

Freimaurer
Clemens Fabry

Weder mystisch noch geheimnisvoll: Der Großmeister der 72 heimischen Logen über Ethik, Werte und Macht.

Herr Dr. Schwärzler, wie läuft ein Freimaurer-Treffen ab?

Nikolaus Schwärzler: Der erste Teil ist der rituelle. Wir lösen uns von der Welt da draußen, stimmen uns ein mit ausgewählten Musikstücken. Der „Stuhlmeister“ begrüßt die Brüder, dann eröffnet er ein Wechselgespräch mit den „Aufsehern“. Das hat seine Wurzeln in der Bauhüttenzeit, als die Logen geheimes Erfahrungswissen in Baukunst, Statik und Ästhetik besaßen. Dann legt ein Bruder „eine Zeichnung auf“. Damals war das ein Bauplan. Heute ist es im übertragenen Sinn ein Thema, das er ausführt und seine Brüder an seinem Wissen teilhaben lässt.

Dann wird die Loge nach einem bestimmten Ritual geschlossen und man schreitet zum zweiten Teil, der Weißen Tafel. Wir nehmen ein normales dreigängiges Abendessen ein und diskutieren über das Thema. Am Ende gehen wir alle bereichert hervor.  

Bis auf die legendären Rituale laufen Freimaurer-Veranstaltungen ähnlich ab wie die aller Netzwerke:  Einleitung, Vortrag, Essen. Warum die geheimnnisumwitterte Aura?

Ich will Ihnen das an zwei Fragen des „Stuhlmeisters“ an die „Aufseher“ während des Rituals erklären. Die erste lautet: Warum nennen wir uns Freimaurer? – Weil wir als freie Männer bauen am Tempel der allgemeinen Menschenliebe. Und die zweite: Was ist der Zweck unserer Arbeit? – Den Verstand zu erhellen und das Herz für alles Gute, Wahre und Schöne zu erwärmen. Nun mag jeder von diesen drei Worten einen anderen Begriff haben. Wenn man jedoch etwa die Aussage eines Politikers beurteilt, merkt man schnell, ob aus ihm das Gute, das Wahre und das Schöne spricht.So ähnlich – bis auf die Rituale – laufen die Veranstaltungen sämtlicher Netzwerke ab:  Einleitung, Vortrag, Buffet. Warum die geheimnnisumwitterte Aura?

Arbeitet die Freimaurerei an einer besseren Welt?

Jeder einzelne, egal an welcher Stelle er sitzt, bemüht sich, diese Ideale in seinem Bereich umzusetzen. Wir sind eine geistig arbeitende Gemeinschaft, die den einzelnen stärkt und peu á peu das weiterbringt, was wir uns unter dem Ideal vorstellen.

Es geht um rein ideelle Zusammenarbeit, keine faktische?

Richtig. Wenn jemand die Idee für ein konkretes karitatives Projekt hat, ist es seine Initiative, nicht die der Loge. Bei der Freimaurerei geht nicht um Seilschaften. Wer Geschäfte machen will, braucht sich nicht die Mühe des Rituals antun.
 
Haben Freimaurer „Macht“?

(lacht) Das ist eine großartige Vorstellung, aber sie stimmt nicht. Jeder hat nur die Macht, die seiner beruflichen Position entspricht. Mehr Macht haben wir nicht.

Wie geht es Ihnen, wenn Sie von Korruption und Machtmissbrauch hören?

Ich frage mich, wohin sich das entwickelt. Die Gesellschaft befindet sich in einer Phase, in der sie große Distanz zu schlechten Zeiten hat. Denken Sie an die Periode des Wiederaufbaus nach 1945, damals hatten alle gemeinsame Werte und Ziele. Vielleicht fehlen uns auch die Persönlichkeiten in Wirtschaft und Politik. Wer selbst noch Leid erlebt hat, hat eine andere Beziehung zur Wahrheit.

Den Gedanken weitergesponnen: Wir brauchen einen Komplettzusammenbruch, um wieder gemeinsam am Wiederaufbau zu arbeiten…?

Es ist schrecklich, aber ich glaube, dass solche düsteren Zeiten die Menschen zur Besinnung bringen.

Ist das abzuwenden?


Im angloamerikanischen Raum verwenden wir die Begriffe Brotherly Love, Relief und Truth, also Menschenliebe, Unterstützung und Wahrheit. Ich denke, sie geben eine gute Handlungsanleitung ab. Noch besser als das Gute, Wahre und Schöne, weil sie philosophisch und nicht anweisend sind. Ich sehe es als meine Aufgabe als Großmeister, uns über solche Wertbegriffe der Gesellschaft zu öffnen und zu erklären, wer wir sind und was wir tun.

Dann kann jemand ganz offen von sich sagen, ich bin Freimaurer?

Darauf arbeiten wir hin, auch wenn der Weg noch weit ist. Früher wurde man gemieden, fast als ob man aussätzig wäre. Wenn eine Stelle ausgeschrieben und die Zugehörigkeit zu einer Loge bekannt war, hat man die Stelle nicht bekommen. Der richtige Ansatz wäre, auf das  Ethikbewusstsein des Kandidaten zu schließen und ihn erst recht einzuladen.

Sogar die Kirche hat sich mit der Freimaurerei versöhnt.

Bis 1985 wurden wir exkommuniziert, heute leben wir in Frieden. Wir sind nicht antireligiös. Wir nehmen einen Schöpfer an, den wir nicht kennen. Wir nennen ihn den Baumeister der Welten, den Grand Architect of the Universe. Es heißt, glauben zu können ist eine Gnade. Aber nicht glauben zu müssen ist auch eine Gnade. Was einer glaubt, ist seine Sache. Ich kann aber gut verstehen, dass die Kirche ihre Schäfchen zusammenhalten will.

Das unvermeidliche Thema: Warum die Trennung zwischen Männern und Frauen?

Es gibt in Österreich reine Frauenlogen. Sogar sie stehen einer Vermischung zurückhaltend gegenüber. Ich selbst muss zugeben, ich fühle mich in meiner reinen Männer-Loge wohler.

Weil das andere Geschlecht von den höheren Zielen ablenkt?

Wer an seiner Persönlichkeit arbeitet, sollte sich nicht der Versuchung aussetzen. Das Leben ist nicht einseitig. Man findet Sympathie zueinander.

Wie treten Sie mit neuen Mitgliedern in Kontakt?

Wenn wir jemanden treffen, der uns durch seine Wertehaltung auffällt, fragen wir, mir scheint, Sie denken ähnlich, hätten Sie Lust mitzumachen? Wir müssen keine Werbung betreiben. Die Menschen kommen trotzdem. Die 72 österreichischen Logen wachsen jährlich um drei Prozent. Derzeit haben sie 3.240 Mitglieder.

Und die Aufnahmebedingungen?

Nun, man muss ethisches Verhalten an den Tag legen und sein Leben bereits in ruhigeren Bahnen verbringen. Das theoretische Mindestalter sind 24 Jahre, faktisch mindestens 30. Nicht selten bekomme ich Aufnahmegesuche, da schreiben über 50-Jährige, ich habe alles erreicht, ich suche einen neuen Sinn in meinem Leben. 

Und umgekehrt, was passiert, wenn ein Mitglied durch Fehlverhalten auffällt?

Dann gibt es zwei Möglichkeiten. Die ehrenvolle ist, ihn darauf hinzuweisen, dass sein Verhalten mit unserem Weltbild nicht in Einklang zu bringen ist und wir ihm empfehlen, um „Deckelung“ anzusuchen. Dann kann er in Frieden ziehen. Schwieriger ist der Weg über einen Großlogen-Gerichtsbeschluss. Ich als Großmeister kann keinen Bruder hinauswerfen.

Eigentlich müssten einander Freimaurer an ihren Werten erkennen.

Im Kern ist das richtig. Man könnte uns an aktivem ethischem Verhalten erkennen. Das beginnt in der U-Bahn. Ich drängle nicht. Wenn das alle täten, wäre es eine herrliche Welt.