Warum man sich am Social-Media-Hype nur die Finger verbrennen kann und Porsche der bessere Volkswagen ist.
Angesichts der Liquiditätsbremsen, die die Notenbanken sehr langsam, aber sicher anziehen, sehen Börsenexperten zunehmend schwierige Zeiten für Aktienanleger aufziehen. Mitten in diese aufkeimende Besorgnis hinein platzte diese Woche der Börsengang des Social Network LinkedIn (ISIN US53578A1088): 100 Prozent Kurszuwachs am ersten Tag.
Bevor jetzt Anleger lange Zähne bekommen: Kleine Privatanleger waren das nicht. Die 100 Prozent beziehen sich auf den Ausgabepreis – und zugeteilt wurde überwiegend an institutionelle Investoren. Privatanleger haben mit der angeblichen Superaktie, wenn sie zu einem blöden Zeitpunkt (gegen halb sechs mitteleuropäische Zeit) geordert haben, am ersten Tag gleich einmal 30 Prozent Verlust gemacht.
Da ist ein Insiderjob gelaufen, für den sich eigentlich die US-Börsenaufsicht interessieren sollte. Für Privatanleger heißt das nur: „Finger weg!“ Hier wird im Vorfeld des Facebook-Börsengangs offenbar ein Hype nach dem Muster der Dotcom-Blase um die Jahrtausendwende aufgebaut.
Und wie so etwas auszugehen pflegt, zeigt ein Blick in die Geschichte: Wer sich auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase eine der damaligen Staraktien – etwa Yahoo – ins Portfolio gelegt hat, sitzt jetzt, elf Jahre später, noch immer auf 80Prozent Verlust.
Dabei waren die damaligen Bewertungen mit Kurs/Gewinn-Verhältnissen von 300, 400 oder 500 geradezu harmlos: Der US-Börsendienst „Seeking Alpha“ hat auf Basis der „Normalized Earnings“ (das ist der um zyklische Effekte und Einmaleffekte bereinigte Gewinn) ein KGV von 2460 ausgerechnet. Der Gewinn der nächsten 2400 Jahre wäre in den derzeitigen Kursen also schon enthalten.
Die Aktie kann man nur noch nach dem Greater-Fool-Prinzip kaufen (man kauft ein völlig überteuertes Papier und hofft, einen noch größeren Deppen zu finden, der einem die Aktie noch teurer abkauft). Oder am besten, sobald das geht, shorten. Für „Normalanleger“ ist das Greater-Fool-Prinzip aber entschieden zu spekulativ.
Bleiben wir in diesen schwieriger werdenden Zeiten also auf dem Boden. Das heißt vorläufig: in Euroland, wo die wichtigsten Börsen noch nicht ganz so schlecht laufen und das Währungsrisiko wegfällt. Da fällt auf, dass die deutschen Autobauer auf dem Weltmarkt derzeit sehr stark unterwegs sind. Vor Kurzem sind an dieser Stelle VW Vzg.(ISIN DE0007664039) und Porsche Holding(ISIN DE000PAH0038) wärmstens empfohlen worden. Beide gründeln derzeit eher seitwärts dahin. Nach Meinung von Analysten sollte das Pendel aber in Richtung Porsche ausschlagen. Zuletzt hat Barclays dem Autowert das Prädikat „Overweight“ verpasst und das Kursziel mit 77Euro festgelegt. Das ist, ausgehend vom derzeit unter 50 Euro liegenden Kurs, ein beträchtliches Potenzial. Bezogen auf den Zusammenschluss der beiden Unternehmen sei Porsche das bessere Investment, hieß es in der Analyse. Jetzt muss nur noch der Kurs anspringen.
In Deutschland lässt sich bei einem Tech-Nebenwert auch wieder einmal ein bisschen Übernahmefantasie spielen: Beim Mobilfunk-Serviceprovider Freenet(ISIN DE000A0Z2ZZ5) scheiden per Ende Juni der Aufsichtsratsvorsitzende und ein weiterer Aufsichtsrat aus. Das klingt wenig spektakulär. Die beiden waren aber gemeinsam mit dem Management maßgeblich dafür verantwortlich, dass die Versuche des Mobilfunkanbieters Drillisch, Freenet zu übernehmen, bisher gescheitert sind. Drillisch besitzt bereits ein substanzielles Aktienpaket an Freenet – und reklamiert jetzt die frei werdenden Aufsichtsratsjobs für sich. Das könnte den Weg für eine Übernahme frei machen – und den Kurs von Freenet pushen. Die Aktie hat sich schon zuletzt gut entwickelt und steht auch charttechnisch eindeutig auf „Kauf“.
Aufgerappelt hat sich eine Aktie, der man es nach der Ölplattformkatastrophe im Golf von Mexiko nicht mehr zugetraut hätte: BP(ISIN GB0007980591) ist am Freitag kräftig gestiegen, nachdem bekannt geworden war, dass der Ölkonzern die erste Milliarde von Mitschuldigen am Plattform-Desaster einkassiert hat. Merrill Lynch hat die Aktie nun auf „Buy“ hochgestuft und ein Kursziel von 580 Pence (aktuell liegt der Kurs bei 450) festgesetzt. Begründung: Die Bewertung des Unternehmens sei nun „sehr attraktiv“, die Wachstumsaussichten denen der Konkurrenz zumindest ebenbürtig.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2011)