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Hilflosigkeit hat in Österreich einen Namen: Toleranz

Wie viel Gewalt steckt in unserer Gesellschaft, wie begegnen wir ihr, und warum tun wir so wenig dagegen? Nachbetrachtung eines abgebrochenen Fußballspiels.

Ein paar hundert Idioten haben am Sonntag einen Wiener Fußballplatz gestürmt und einen Spielabbruch provoziert. Die Geschichte sah im Fernsehen wild aus, ein paar Funktionäre machten betroffene Mienen zum abgebrochenen Spiel. Und eigentlich ist das Ganze ja nicht gerade neu: Dass sich auf den Fußballplätzen viele herumtreiben, die im richtigen Leben keinen Auftrag haben und ihren ganzen aufgestauten Alltagsfrust dort rauslassen, wo sie sich stark fühlen, ist kein großes Geheimnis.

Dass diese zivilen Witzfiguren unter ihresgleichen, unter Vollidioten eben, eine Bedrohung darstellen, steht in jedem pseudowissenschaftlichen Psychologieaufsatz. Was gibt es da noch lange zu bereden? Die Rädelsführer festnehmen, einsperren, Ende der Debatte.

So wird es geschehen. So reagiert man hierzulande immer, wenn „sogenannte“ Fans durchdrehen. Dann kommen immer die Gänsefüßchen – vor und nach dem „sogenannten“ –, und schon sind die echten, die anständigen Fans (ohne Gänsefüßchen) fein aus dem Schneider.

Und nun sollte man den Mikrokosmos Fußball verlassen und auf das große Spielfeld wechseln. Denn eines muss klar sein: Die Gewalt gibt es nicht, weil Fußball gespielt wird. Die ist in unserer Gesellschaft vorhanden und sucht sich nur entsprechende Ventile.

Die Frage lautet: Wo beginnt die Gewalt und wo endet die Toleranz? Der Fußballklub Rapid ging mit diesem Problem ganz locker um: Allen Funktionären ist seit Langem klar, dass es unter den Fans einige sehr gefährliche Typen gibt. Anstatt sich von diesen zu distanzieren, ging man einen Deal ein. Solange ihr im Stadion ruhig seid, interessieren uns auch nicht eure Vorstrafenregister und eure Gewaltorgien abseits des Spiels. Es ging sogar so weit, dass der Klub gewalttätigen Fans juristisch zur Seite stand.

Der Fußballklub Rapid hat mit diesem System keine gesellschaftlichen Hemmschwellen überschritten. Der Klub hat nur gehandelt, wie es österreichische Politiker seit Jahrzehnten praktizieren. Jetzt wirkt es vielleicht ein bisschen dramatisch, weil der Vergleich zwischen dem banalen Fußball und der „hohen“ Politik etwas an den Haaren herbeigezogen scheint. Aber ob man sich mit Menschen arrangiert, die den Sport terrorisieren, oder mit echten Terroristen, ist vom Prinzip her ähnlich.

Alles nur eine Frage des Maßstabs: In Österreich gibt es eben eine lange Tradition, sich mit Terroristen zu arrangieren, der guten Geschäfte oder des Friedens im eigenen Lande wegen: Arafat, Gaddafi, Saddam Hussein.

Wo beginnt also die Gewalt? Sie beginnt nicht erst, wenn „sogenannte“ Fans ernst machen. Gewalt beginnt dort, wo man sie aus politischem, wirtschaftlichem oder gesellschaftlichem Kalkül in Kauf nimmt. Manchmal wird sie aber auch einfach nur aus Bequemlichkeit toleriert.

Bequemlichkeit hat in Österreich einen eigenen Namen: „Toleranz“. Nein, das wäre jetzt unfair. Wenn man Bequemlichkeit sagt, muss man auch Unfähigkeit, Hilf- und Ratlosigkeit sagen. All diese Attribute werden hierzulande mit dem Begriff „Toleranz“ geadelt. Gesellschaftlichen Phänomenen und Problemen, derer man nicht Herr wird, begegnet man einfach mit Toleranz.

Wenn heute einer seine Freundin zerstückelt, so lautet der erste Aufschrei immer: Wer ist dafür verantwortlich? Na, zuallererst wohl immer der mit dem Messer in der Hand.

Der „sogenannte“ Fan-Beauftragte von Rapid argumentierte auch mit seinem „sozialen Auftrag“. Und es ist schon klar, dass seine „Klienten“ nicht zu einer gesellschaftlich privilegierten Schicht zählen. Rapid begegnete seinen Hooligans also auf die übliche Art.

Irgendwo zwischen Sozialromantik und Sozialvoyeurismus ist ein Begriff verloren gegangen, der heute schon so borniert, so reaktionär, so altmodisch klingt, dass man gar nicht mehr wagt, ihn auszusprechen. Er lautet: Verantwortung. Wo endet die Toleranz? Dort, wo wir aufhören, für unser Tun verantwortlich zu sein. Seite 24

 

E-Mails an: gerhard.hofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2011)