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Chaim Noll: "Ich wollte so bekennen, dass ich jüdisch bin"

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Der israelische Schriftsteller Chaim Noll im Interview mit der "Presse" über islamischen Judenhass, negative Erfahrungen als junger Mann in der ehemaligen DDR und ein epositive Zusammenarbeit mit den Arabern.

Die Presse: Welche Strömung des Antisemitismus steht für Sie heutzutage ganz oben auf der Watchlist?

Chaim Noll: Es gibt neue Formen, die man lange nicht so wahrgenommen hat wie den bekannten Judenhass der Rechten. Für mich ist der heikelste der islamische, der sich gegen Israel wendet, der auch anhand islamischer Schriften gegeben ist. Er äußert sich ganz offen. Darüber kann man in Europa viel schwerer sprechen. Er könnte hier aber den Judenhass der Rechten revitalisieren.

Sie stammen aus Ostdeutschland, haben lange Jahre in Italien gelebt und sind jetzt Israeli. Wo gibt es für Sie am wenigsten Antisemitismus?

In Italien; dort sind die römischen Juden vor allem Römer. Man ist stolz darauf, eine der ältesten Gemeinden in der Stadt zu haben. Die Italiener sind nicht rassistisch. Wir haben erst in Rom gelernt, dass man Judentum ohne derartige Ressentiments leben kann.

Wie war es im Vergleich dazu in der DDR?

Wir sind in einer abnormen Situation aufgewachsen, mit einer gefährlichen, bösen Politik. Ich habe 1989 in einer westdeutschen Zeitung einen Essay über sich anbahnenden Judenhass im Osten geschrieben, „Früchte des Schweigens“. Man hat in der DDR die jüdische Gemeinde totgeschwiegen. Sie spielte nur als Teil des antifaschistischen Widerstandes eine Rolle. Auch das Verdrängen des Jüdischen fördert aber den Antisemitismus. Es gab Juden, aber kein jüdisches Leben. Als der Sechstagekrieg ausbrach, wurde mir mit 13 unser Schicksal erstmals bewusst. Die DDR war selbstverständlich antiisraelisch. Die USA waren für sie der Hauptfeind, Israel war der „Kettenhund des Kapitals“.

 

Und Ihr Vater war ein regimetreuer Schriftsteller, ein vollkommen assimilierter...

Er sprach nicht darüber, was es bedeutet, Jude zu sein. Das ging so weit, dass über die KZ-Geschichte meiner Großmutter bei uns nie gesprochen wurde. Mich hat es dazu gereizt, über die Geschichte nachzulesen. Sie war eine sehr mutige Frau, anders als mein Vater, scheute selbst in der Nazizeit nicht davor zurück, sich mit Behörden anzulegen. So wurde sie paradoxer Weise vor der Deportation bewahrt. Sie war von der Gestapo verhaftet worden, weil sie Nazis wegen Korruption angezeigt hatte, saß im Gefängnis, als die Juden von Chemnitz in KZ abtransportiert wurden. Erst später kam sie wegen abfälliger Bemerkungen über Hitler nach Theresienstadt und hat überlebt. Den Widerstandsgeist habe ich von ihr. Ich habe den Wehrdienst verweigert, kam deshalb in die Psychiatrie. Die Uniformen sahen aus wie die bei Hitler – da konnte ich nicht mitmachen.

 

Sie nennen sich heute Chaim, nicht mehr wie ursprünglich Hans. Welche Bedeutung hat das?

Es war ein bewusster Akt nach langem Überlegen. Auslöser war der Golfkrieg 1991, als ich an der FU Berlin arbeitete. Alle Uni-Kollegen waren gegen Israel. Ich wollte so bekennen, dass ich jüdisch bin. Chaim heißt Leben. Das war mein neues Leben.

Wie soll man Antisemitismus bekämpfen? Ist der Zionismus wirksamer als die Assimilation?

Es gibt heute verschiedene Formen des Judentums. Auch die Anpassung an die israelische Gesellschaft ist eine Art Assimilation, eine hohe Kulturleistung. Deshalb würde ich mich nicht generell gegen Anpassung aussprechen. Aber Israel ist ganz einfach die Stütze des Judentums in der Diaspora. Wenn Leute also Israel schaden und es schwächen, um gleichzeitig zu behaupten, dass sie keine Antisemiten seien, ist das für mich die heuchlerischste Form von Antisemitismus.

Wie ist es um die Anpassungsfähigkeit der starken arabischen Bevölkerung in Israel bestellt?

Sie sind Israeli, haben alle Rechte. Man bemüht sich sehr darum, sie über Bildung zu assimilieren. Das führt zu Spannungen, etwa wenn es um das Studium von Mädchen der Beduinen geht. Sie werden aus ihrem Milieu herausgeholt, das ist ein positiver Prozess. Den arabischen Israelis geht es besser als allen Arabern auf der Welt. Ihre Lebenserwartung ist 79 Jahre. Die Zusammenarbeit, auch mit den Palästinensern jenseits des Zauns, ist stärker, als in europäischen Medien reflektiert wird. Die jüdischen Siedlungen in der Westbank sind der größte Arbeitgeber.

 

Chaim Noll (*1954) wuchs in der DDR auf, er lebt heute in Israel. Romane: „Der Kitharaspieler“ (2008), „Feuer“ (2010). Noll hielt am Montag auf Einladung von Maximilian Gottschlich, Professor am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, den Vortrag „Neuer Antisemitismus in Europa“, im Rahmen der Vorlesungsreihe „Medien- und Kommunikationsethik“. Weitere Termine um 16 Uhr im AudiMax: 30. Mai, 6. und 20. Juni.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2011)