Im Reservat der letzten Höhlenmenschen

(c) Clemens Fabry
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Was uns ein Gespräch mit einem US-Politologen über Österreichs Fußball-Rowdy-Problem lehrt.

Mein Mittwoch

Ende Juni 2008, knapp vor dem Ende der Fußball-Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz, traf ich den amerikanischen Politikwissenschaftler Andrei S. Markovits, um über Fußball zu plaudern. Markovits kam 1948 in Timisoara in Rumänien auf die Welt, er hat das Wiener Theresianum besucht und war am 1. Oktober 1958 im Prater, als der Wiener Sportclub im Europapokal der Landesmeister Juventus Turin 7:0 betonierte. Er lehrt an der University of Michigan, Ann Arbor, in Wien war er 2008, um für den US-Sportsender ESPN über die Euro zu berichten.

Wieso, wollte ich von ihm wissen, laufen Ländermatches meist friedlicher ab als Spiele zwischen Klubs? Wegen der zivilisatorischen Macht der Frauen, lautete seine Antwort. Je mehr Frauen im Stadion sind, desto eher benehmen sich die Männer gesittet. Dazu komme, dass internationale Turniere in den 1990er-Jahren zu großen medialen Ereignissen geworden sind. Sportlich eher bedeutungslose Spiele wie jene der österreichischen Topfenknödelliga interessieren nur den harten Kern, und der ist fast durchwegs männlich und bisweilen nur an der Inszenierung höhlenmenschenartiger Rituale interessiert. „Im Gegensatz zu den USA ist das Stadion für europäische Männer der letzte Hort zur Überwindung ihrer Schamschwelle“, sagte Markovits. „Das sind men behaving badly – denen niemand vorschreiben kann, was politisch korrekt ist.“

Men behaving badly: Vielleicht käme es in Österreichs Stadien nicht so oft zu hässlichen Szenen, wenn wir aufhören würden, Fußball als letztes Reservat für unheilbare Chauvinisten zu behandeln. Sondern als das, was er wirklich ist: das schönste Spiel der Welt.

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.05.2011)

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