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Die erste Schlacht Mitteleuropas

(c) AP (GEORG KOECHLER)
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Gegen Ende der Bronzezeit, vor 3200 Jahren, gerieten an der Tollense, einem Flusses in Mecklenburg-Vorpommern in Norddeutschland, zwei Gruppen in einer kriegerischen Auseinandersetzung aneinander.

Seit wann gibt es Kriege? Vor 5600 Jahren wurde die Stadt Hamoukar im syrisch-irakischen Grenzgebiet ausgelöscht, vor 3280 Jahren wurde die erste Schlacht im Detail beschrieben, die von Kadesh. Auch Europa war kein Idyll, es flossen Ströme von Blut, vor 7000 Jahren wurden im deutschen Herxheim um die tausend Menschen vermutlich rituell geopfert, vor 5000 Jahren im niederösterreichischen Schletz ein ganzes Dorf ausgerottet. Aber das war vermutlich ein Überfall, Spuren wirklicher Kriege haben sich im frühen Europa bisher nicht gezeigt. „Das macht unseren Fund einmalig“, berichtet Prähistoriker Thomas Terberger (Uni Greifswald) der „Presse“, „wir sehen hier eine neue Form von Gewalt, in der sich zwei Gruppen bekriegt haben.“

Hier, das ist zeitlich vor 3200 Jahren gegen Ende der Bronzezeit und örtlich an einer 1,5 Kilometer langen Uferstrecke der Tollense, eines Flusses in Mecklenburg-Vorpommern im Norden Deutschlands. An seinen Ufern kamen früher schon vereinzelte Knochen ans Licht, seit 2008 wird systematisch gegraben, bisher fanden sich Skelette von über hundert Individuen, vor allem jungen Männern (Antiquity, 22.5.). Wie viele noch im Boden ruhen, kann man nicht abschätzen, die bisherigen Grabungen sind kleinflächig.

 

Baseballschläger als Waffe

Aber sicher ist schon, dass die Toten Opfer harter Kämpfe waren: Acht von 100 Skeletten und fünf von 40 Schädeln zeigen Verletzungen, teils mörderische, manche wurden mit Prügeln eingeschlagen. „Bei Bronzezeit denkt man ja an Waffen aus Bronze“, berichtet Terberger, „aber hier wurde mit den ,Waffen des kleinen Mannes‘ gekämpft, mit Holzkeilen, von denen einer verblüffend einem Baseballschläger ähnelt. Da hat sich in der Typologie von der Bronzezeit bis heute nicht viel geändert.“

Weitere Verletzungen stammen von Pfeilen, manche sind ein Stück weit verheilt – dann starben die Opfer doch –, sie haben die Forscher von ihrer ersten Hypothese abgebracht, der zufolge die Schlacht an einem Tag geschlagen worden war. Offenbar zogen sich die Auseinandersetzungen über Tage und Wochen. Worum sie gingen, ist unklar, aber damals brachte ein Klimawandel mit Kälte und Feuchtigkeit Menschen in Bewegung, man hat früher schon Invasionen vermutet.

In diesem Fall könnte sie aus dem Süden gekommen sein: Isotopenanalysen der Knochen mancher Opfer deuten darauf hin, dass sie sich von etwas ernährt haben, was im Norden zu dieser Zeit noch nicht verbreitet war: Rispenhirse; darauf weisen auch die Formen mancher Bronzenadeln hin, sie sind typisch für das südlicher gelegene Schlesien. Aber ob wirklich eine Invasion kam und woher, das können erst die laufenden Gen- und Isotopenanalysen klären.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.05.2011)