Die ukrainische Ex-Premierministerin macht der Regierung schwere Vorwürfe. Das prominente Gesicht der Orangen Revolution ist wie andere Ex-Regierungsmitglieder mittlerweile im Visier der Justiz.
Kiew. Dass sie tatsächlich jene viel beschworene „Löwin“ ist, die nichts fürchtet, nicht einmal ihre drohende Verhaftung: Dieses Bild wollte Julia Timoschenko gestern ihren Anhängern und den Fernsehkameras vermitteln. Dezent geschminkt, im schmal geschnittenen grauen Kleid und in hochhackigen Schuhen erschien sie bei der Staatsanwaltschaft, um die Akten der Anklage zu studieren. Das prominente Gesicht der Orangen Revolution, wie andere Ex-Regierungsmitglieder mittlerweile im Visier der ukrainischen Justiz, versteht es stets, jede sich bietende Bühne zu nutzen.
Umringt von Fans teilte Timoschenko kräftig aus gegen ihren Kontrahenten, Präsident Viktor Janukowitsch, der seit 2010 im Amt ist. Die Gerichte arbeiteten „auf Bestellung des Präsidenten“. Dessen Ziel sei es, die Opposition ins Gefängnis zu stecken. Gerechtigkeit erwarte sie keine, sagte sie und verschwand doch hinter dem Holztor der Behörde. Bei einem Fernbleiben könnte sie jederzeit ihre Verhaftung provozieren.
Nur eine Woche Zeit hat nun ihr Anwalt Sergej Vlasenko, um sich in die 14 Bände der Anklage mit jeweils etwa 250 Seiten einzulesen. Diese wirft Timoschenko vor, 2009 beim Abschluss des Gasvertrags mit Russland ihre Kompetenzen als Premierministerin überschritten zu haben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2011)