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"Unmöglich": Das erste Tiefseekabel über den Atlantik

Unmoeglich erste Tiefseekabel ueber
(c) Reuters (Petar Kujundzic)
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Im Jahr 1858 verband die erste Telegrafenleitung Amerika und Europa. Aber nach 732 Nachrichten herrschte wieder sieben Jahre Stille im Ozean.

Stefan Zweig hat den ersten Worten über den Ozean im Jahr 1858 in seinen berühmten Werk "Sternstunden der Menschheit" eine der zwölf Geschichten gewidmet. Begeistert schreibt er über die Erfindung der Telegrafie im Jahr 1837: "Nie werden wir Späteren das Staunen jener Generation über die ersten Leistungen des elektrischen Telegraphen nachzufühlen vermögen, die ungeheure und begeisterte Verblüffung, daß ebenderselbe kleine, kaum fühlbare elektrische Funke (...) mit einmal die dämonische Kraft gewonnen hat, Länder, Berge und ganze Erdteile zu überspringen".

Die Erfindung der Eisenbahn und des Dampfboots seien dagegen Beschleunigungen gewesen, die noch "im Bereich der Faßbarkeit" lagen.

"Ein letzter Schritt ist noch zu tun"

Bereits seit 13. November 1851 verband ein Telegrafiekabel, das auf dem Boden des Ärmelkanals verlegt wurde, England und Frankreich. Möglich gemacht hatte das übrigens eine milchige Flüssigkeit: Das aus Sumatra mitgebrachte Harz des Guttapercha-Baums ließ sich bei 50 Grad zu einer weichen, knetbaren Masse formen und diente als erstes Isoliermaterial für Seekabel.

Doch etwas habe noch gefehlt, schreibt Zweig: Die Telegrafie-Verbindung zwischen Amerika und Europa. "Nur ein letzter Schritt ist noch zu tun. (...) Aber noch widerstrebt die Natur dieser letzten Vereinigung, noch stemmt sie ein Hindernis entgegen".

Wie tief ist das Meer?

Bis zur Realisierung des wagemutigen Plans sind allerdings noch viele Hürden zu nehmen. "Unmöglich! Absurd!, winken darum die Gelehrten heftig ab, sowie man den Plan der Ozeanüberspannung nur erwähnt", heißt es bei Zweig. Tatsächlich sind da die Zweifel: Kann, was auf wenigen Kilometern gelingt, auch auf über 4000 Kilometern funktionieren? Unbekannt war damals auch, wie tief das Meer überhaupt ist. Und: Welche Rolle konnten Meeresströmungen spielen?

Schließlich vermisst Leutnant Matthew F. Maury - einer der Begründer der Ozeanographie - im Jahr 1853 Seemeile für Seelemeile über den Nordatlantik, wie das historische Magazin "Geo Epoche" schreibt. Er erstellt das erste Meeresbodenrelief und entdeckt einen Höhenrücken zwischen Neufundland und Irland. Vielversprechend nennt er diesen "Telegraphic Plateau".

Kabel zu schwer für ein Schiff

Drei Jahre dauert es schließlich, bis ein 4630 langes Kabel aus Kupferdrähten, ummantelt mit Guttapercha, fertiggestellt ist. Erst dann fällt den Technikern auf, dass das Kabel zu schwer für die Tragkraft der größten Frachtschiffe ist. Die Lösung: Zwei Schiffe müssen her.

Das Kabel wird in der Mitte getrennt und auf das britische Schiff "HMS Agamemnon" und das amerikanische Schiff "USS Niagara" verteilt. Auf riesigen Holztrommeln wird das Kabel in den Rümpfen der Schiffe gelagert und langsam ins Meer abgespult. Bei einem ersten Versuch reißt das Kabel und verschwindet für immer im Meer.

4630 Kilometer Kabel

Am 5. August 1858 ist das Unmögliche - nach zwei Fehlversuchen - schließlich geschafft. Das 2500 Tonnen schwere Kupferkabel zwischen Neufundland und Irland ist verlegt. Am 10. August dringen schließlich die ersten Worte über den Ozean nach Europa: "Repeat, please". Und: "Please send slower for present". Daraufhin kamen aus Neufundland folgende Nachrichten, die vorerst ohne Reaktion aus Europa blieben.

Neufundland antwort

Sent 10.20 A.M.: "How?" Sent 10.50 A.M.: "How do you receive?" Sent 11.35 A.M.: "Send slower." Sent 11.50 A.M.: "Please send slower." Sent 12.20 P.M.: "How do you receive?" Sent 1.56 P.M.: "Please say if you can read this." Sent 2.47 P.M.: "Yes" (supposed). Sent 3.43 P.M.: "How are signals?" Sent 5.40 P.M.: "How are signals?" Sent 6.10 P.M.: "Do you receive?" Sent 8.16 P.M.: "Please send something." Sent 8.45 P.M.: "Please send V.'s and B's." Sent 10.38 P.M.: "How are signals?"

Quelle: heise.de

Doch der Triumph währt nur kurz. Das Signal wird von Tag zu Tag immer schwächer. Die gegenseitigen Glückwunschtelegramme der britischen Königin Victoria und des amerikanischen Präsidenten Buchanan brauchen 16 Stunden durch die Leitung, schreibt "Spiegel Online". Die häufigste Mitteilung ist demnach schon bald: "Können Sie die Nachricht wiederholen?". Die Nachrichten werden eher erraten als verstanden.

Stille im Ozean nach 732 Nachrichten

Dennoch lässt sich Pionier und Finanzier Cyrus W. Field in New York mit Paraden und Feuerwerken feiern. "Vor einem Fotografen posiert er als Vereiniger der Welten: ein Stück Kabel in der einen Hand, die andere besitzergreifend auf dem Globus", schreibt "Geo Epoche". Der Heldenverehrung folgt unweigerlich der tiefe Fall. "Ein einziger Tag hat alles geschaffen, ein einziger Tag alles zerstört", hält Zweig fest. Nach nur 732 Mitteilungen herrscht wieder Stille im Ozean.

Doch Field gibt nicht auf. Zwar hat er Ansehen und Vermögen verloren, doch 1866 kehrt er - mit nur einem Schiff, der "Great Eastern", dem größten Schiff der Welt - erfolgreich zurück. Und diesmal hält der Draht zwischen Amerika und Europa. Field stirbt 1892 und erlebt den letzten Meilenstein der interkontinentalen Kommunikation nicht mehr, wie die "Frankfurter Rundschau" schreibt: Die Schließung der letzten Lücke zwischen Neuseeland und Kanada im Jahr 1902.