Intendant Markus Hinterhäuser über die Strahlkraft der
Salzburger Festspiele, explosive Mischungen,
gute Beziehungen und scheinbare Gegensätze.
Markus Hinterhäuser, zuletzt für das vielschichtige Konzertprogramm der Salzburger Festspiele verantwortlich, hat für diesen Sommer die künstlerische Gesamtleitung des Festivals übernommen. „Eineinhalb Jahre“, weiß er nun im Rückblick auf die Vorbereitungszeit, die ihm geblieben ist, zu erzählen, „sind nicht viel. Aber es ergeben sich in einer solchen kurzen Zeitspanne manchmal geradezu quälend langsame Prozesse.“
Das sind die Zeiten zwischen den Besprechungen mit wichtigen Künstlern, die es für eine Mitarbeit zu gewinnen gilt. Prominente Interpreten nach Salzburg zu locken, das ist nicht immer ganz einfach. „Natürlich“, sagt Hinterhäuser, „ist die Strahlkraft der Festspiele enorm. Andererseits gibt es immer mehr Künstler, die den Sommer über lieber Ferien machen.“
Also muss ein Intendant Überzeugungskraft besitzen. Zum Beispiel, wenn er für ein Werk wie Verdis „Macbeth“ zwei bedeutende Operninterpreten, die zuvor noch nie miteinander gearbeitet haben, vereinen möchte: Riccardo Muti und Peter Stein.
Die „behutsame Zusammenführung“ gelang anlässlich mehrerer Gespräche, das entscheidende fand in Mutis Studio in Ravenna statt: „Stein kam“, schildert der Intendant, „bepackt mit Stößen von Literatur zu Shakespeare.“ Muti wiederum verfügt an seinem Arbeitsplatz über jede erdenkliche Quelle zum Thema Verdi. Die explosive Mischung von so viel Kompetenz entwickelte sich, wie Hinterhäuser sich erinnert, „zu einem wahren Furor“ und entlud sich zuletzt, „indem Muti ans Klavier ging und die gesamte Oper durchspielte und -sang“, mit Anmerkungen von Peter Stein versehen, eine Privatvorstellung, um die wohl die gesamte Opernwelt den Salzburger Festspiel- Chef beneidet. Das Ergebnis kann nun in der Felsenreitschule auch öffentlich besichtigt werden!
Spannung in einen Spielplan zu bringen, das ist wohl die wichtigste Aufgabe der künstlerischen Leitung. „Manches“, so berichtet Hinterhäuser weiter, „stand für 2011 schon fest, etwa die Tatsache, dass Claus Guths Zyklus von Mozarts Da-Ponte-Opern gesamt gezeigt werden soll. Wir haben dafür nun noch die spannende Lösung gefunden, Mozart von drei verschie-denen Orchestern musizieren zu lassen.“
Fest stand auch, dass es eine Neuinszenierung der „Frau ohne Schatten“ geben würde, eines Werks der Festspielgründer Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss, das von seinem Format her unbedingt eine Festspieloper ist, dennoch aber zur Sommerzeit nicht allzu oft angesetzt worden ist. Vielleicht wegen der eminenten Schwierigkeiten der Realisierung dieses Märchenspiels mit seinen acht szenischen Verwandlungen. „Ich freue mich sehr“, sagt Markus Hinterhäuser, „dass wir für diese Premiere Christian Thielemann gewinnen konnten.“ Der Dirigent, der sich mit den Wiener Philharmonikern so gut versteht, hat heuer – und für die Salzburger Festspielmacher „leider nur heuer“ – Pause in Bayreuth. Da hat man zugegriffen und sich den exzellenten Strauss-Interpreten gesichert.
Gute persönliche Beziehungen des Intendanten zum Leading Team ermöglichten die Kombination von Esa- Pekka Salonen und Christoph Marthaler für LeoŠ Janácˇeks „Die Sache Makropulos“, ein Stück, dessen eigenwillige Thematik „unbedingt etwas für Marthaler ist“, wie Hinterhäuser überzeugt ist, ein Werk aus einem Repertoire, „zu dem Salonen Bereicherndes beitragen kann“.
Womit es Hinterhäuser gelungen ist, zwei der meistdiskutierten Regisseure unserer Zeit, die unterschiedlicher nicht sein könnten, für Oper zu interessieren und im selben Sommer nebeneinander zu beschäftigen.
Die Unterschiede zwischen Stein und Marthaler weiß Hinterhäuser anschaulich zu beschreiben. „Marthaler funktioniert ganz anders als Stein“, sagt er, „er sagt niemals konzeptuell schon im Vorfeld einer Produktion, wie sie aussehen wird. Er gibt ein anderes Tempo vor, braucht Zeit, gibt seinen Künstlern nie das Gefühl, alles sei schon in Stein gemeißelt, ehe noch probiert wird. Stein ist dagegen geradezu verstörend präzis. Was aber wiederum nicht heißt, dass das, was bei Marthaler herauskommt, nicht eine sehr präzise Arbeit ist. Nur der Weg dazu ist ein anderer.“
Der Weg des Festspielmachers zu einem stimmigen Spielplan führt, wie wir gesehen haben, auch oft über verschlungene Pfade. Aber selbst einen Superstar wie Anna Netrebko kann man in ein anspruchsvolles Programm weit abseits der Arienwunschkonzertwelt einbinden. Die Diva wird in einem Doppelabend mit zwei russischen Meisterwerken zu erleben sein, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben: „Iolanta“ von Tschaikowski und „Le Rossignol“ von Strawinsky – doch war Strawinsky ein großer Verehrer des Romantikers und sah keineswegs einen Bruch zwischen dessen Welt und seiner eigenen in der Ära der musikalischen Revolutionen.
Sind die Opern erst einmal programmiert, gilt es, mit Sprechtheater und Konzert eine gute inhaltliche Balance zu finden, damit, wie sich Hinterhäuser ausdrückt, „die Statik des gesamten Festspielgebildes stimmt“.
Da geht es um Kontraste und innige Zusammenhänge – und die Tatsache, dass sich diese beiden scheinbaren Gegensätze bei kluger Disposition wunderbar vereinigen lassen. „Mir war es“, erzählt Hinterhäuser, „zum Beispiel wichtig, dass am Abend nach der Premiere von Verdis ,Macbeth‘ der ,Macbeth‘ von Salvatore Sciarrino herauskommt, einem der großen Musiktheaterkomponisten unserer Zeit. Solche Korrelationen herzustellen, das bedeutet Feinarbeit. Die Sciarrino- Premiere zwei Wochen nach der ersten Verdi-Aufführung, das hätte für mich wenig Sinn gehabt.“
Ebenso wenig wäre es für ein Festival von Format sinnvoll, im zweiten der aufeinanderfolgenden Gustav-Mahler- Gedenkjahre wieder einmal so viele von dessen Symphonien wie möglich in das Programm zu nehmen. „Das tun alle“, sagt Hinterhäuser, und freut sich, Mahler von einer viel weniger beleuchteten Seite vorzustellen, etwa über eine Aufführung des selten gespielten „Klagenden Lieds“, für das sich niemand Geringerer als Pierre Boulez engagieren wird. Fast nostalgisch wird Hinterhäuser, wenn er über sein Lieblingsprojekt spricht: Luigi Nonos „Prometeo“, mit Spätwerken von Schubert kontrapunktiert („bei beiden Komponisten entsteht der Weg sozusagen im Gehen“), noch einmal zur Diskussion zu stellen. Mit dem „Prometeo“, einem der wichtigsten Werke der musikalischen Avantgarde, begann einst seine spektakuläre „Zeitfluss“-Arbeit. Das ist beinahe zwei Jahrzehnte her. Seither hat die Neue Musik auch im Festspielplan enorm an Terrain gewonnen. „Prometeo“ erklingt nicht mehr beim „Gegenfestival“, sondern als Teil des sommerlichen Renommierprogramms. Wie damals steht Ingo Metzmacher am Dirigentenpult – „wir wollen prüfen, ob sich die gleiche, geradezu hypnotische Wirkung einstellt wie anno 1993“.