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Innsbruck übernimmt Fall Kampusch

(c) EPA (MARCUS BRANDT)
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Das Landesgericht und die Staatsanwaltschaft Innsbruck entwickeln sich nach und nach zu Zentralstellen bei diversen Ermittlungen rund um den Entführungsfall Kampusch.

Ist die Entführung von Natascha Kampusch wirklich restlos aufgeklärt? War Wolfgang Priklopil ein Einzeltäter? Solche Fragen werden künftig wohl nicht mehr von den Behörden des Tatortes Wien (hier wurde das Opfer 1998 verschleppt), sondern von jenen in Innsbruck untersucht werden. Das dortige Landesgericht und die Staatsanwaltschaft entwickeln sich nämlich zu einer Art Zentrum in Sachen „Kampusch“.

Schon jetzt laufen, wie „Die Presse“ exklusiv berichtete, zwei Verfahren in Innsbruck: jenes gegen fünf Ankläger aus der Oberstaatsanwaltschaft Wien und der Staatsanwaltschaft Wien. Hier geht es um den Verdacht des Amtsmissbrauchs. Die Betroffenen weisen Vorwürfe, wonach es Versäumnisse bei den Kampusch-Ermittlungen gegeben haben könnte, strikt zurück.

Und dann läuft in Innsbruck auch noch jenes Verfahren gegen unbekannte Täter, das am 3. Februar in Wien angelegt und auf Geheiß der Generalprokuratur vor wenigen Tagen nach Innsbruck „delegiert“ wurde. „Darin geht es um den Verdacht angeblicher kinderpornografischer Aufnahmen, unter anderem auch von Natascha Kampusch“, erklärt der Sprecher der Staatsanwaltschaft Innsbruck, Hansjörg Mayr. Hintergrund: Der immer noch schwelende – wenn auch unbelegte – Verdacht, es könnte einen Kinderpornoring gegeben haben, dem Kampusch zum Opfer fiel. Klar ist der Grund der Verlegung dieses zweiten Verfahrens in die Tiroler Landeshauptstadt: Da sich maßgebliche Wiener Staatsanwälte selbst einem (Amtsmissbrauchs-)Strafverfahren ausgesetzt sehen, sollen weitere Ermittlungen zur Entführung aus Gründen behördlicher „Hygiene“ nicht in Wien erledigt werden.

Und dieses zweite Verfahren könnte möglicherweise zum Sammelbecken werden. Denn der Leiter der Oberstaatsanwaltschaft Wien, Werner Pleischl (er ist einer jener fünf genannten Behördenvertreter, die sich derzeit Untersuchungen ausgesetzt sehen) erläutert der „Presse“: „Ich werde vorschlagen, alles, was noch kommt, zum Beispiel weitere Anzeigen, nach Innsbruck zu delegieren.“ Über diesen Vorschlag würde die Generalprokuratur entscheiden.

Auf die Frage nach den nun gegen ihn gerichteten Vorwürfen beteuert Pleischl einmal mehr, absolut pflichtgemäß gehandelt zu haben. Er selbst habe von Innsbruck bisher noch keine Ladung zur Einvernahme erhalten. Zur Frage nach einem Kinderpornoring sagt Pleischl: „Wir sind allen Hinweisen nachgegangen.“ Dies habe „kein Ergebnis“ gebracht, welches für das Vorliegen eines solchen Ringes gesprochen hätte. „Es gibt auch keine vernünftigen neuen Hinweise, die man überprüfen könnte.“

 

Ex-OGH-Präsident als Zeuge

Indessen sagte in Innsbruck am Freitag, wie schon tags zuvor, der Expräsident des Obersten Gerichtshofes, Johann Rzeszut, als Zeuge im Amtsmissbrauchsverfahren stundenlang aus. Rzeszut war Mitglied der vom Innenressort eingesetzten Kampusch-Kommission. Und hatte durch ein aufsehenerregendes Dossier an das Parlament das nun durch den Innsbrucker Ermittlungsrichter Georg Putz geführte Verfahren gegen die Staatsanwälte ins Rollen gebracht.

Das Rzeszut-Papier umfasst fünf, so heißt es, „fachlich plausibel nicht zu erklärende Besonderheiten des staatsanwaltlichen Ermittlungsverfahrens zum Fall Kampusch“: Vernachlässigung polizeilicher Ermittlungsergebnisse, Unterlassung indizierter Ermittlungsschritte, Behinderung der Evaluierung, Verbreitung wahrheitswidriger Informationen, Druckausübung auf den federführenden Polizeibeamten. Ob dem so war, soll Innsbruck herausfinden. Zu diesem Zweck ist am 6. und 7. Juni ein weiterer prominenter Zeuge geladen: der seinerzeitige Leiter der Kampusch-Kommission, Ex-Verfassungsgerichtshof-Präsident Ludwig Adamovich.

Auf einen Blick

Natascha Kampusch wurde 1998 auf dem Schulweg entführt und floh nach achteinhalb Jahren aus dem Haus des Entführers Wolfgang Priklopil, der sich daraufhin das Leben nahm. Innsbruck wird nun immer mehr zur Zentralstelle für den spektakulären Fall, schon zwei Strafverfahren sind anhängig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2011)