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Muslime-Vertretung: Angst vor Türken-Dominanz

Am Sonntag bestimmt die muslimische Religionsgemeinde Wien ihre Vertreter für den Bund. Hinter den Kulissen wird um Posten gekämpft.

Der Kampf um die wichtigsten Funktionen in der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) tobt. Dass mit Fuat Sanac erstmals ein Vertreter der türkischen Community zum Präsidenten gewählt wird, gilt als sicher. Sanac wird der Islamischen Föderation zugerechnet, der zweitgrößten türkischen Vereinigung des Landes. Dem Vernehmen nach will nun die Atib, der größte türkische Verein, im Gegenzug für dessen Unterstützung auch einige Posten besetzen.

Im Gespräch soll etwa der Vorsitz der Religionsgemeinde Wien sein. Allein, gerade in Wien ist die Islamische Föderation mit 70 von 208 Delegierten die stärkste Gruppe, die Atib hat „nur“ 40 Delegierte. Was die Konsequenz hätte, dass die weitaus größte muslimische Gemeinde des Landes nicht in der Hand der darin stärksten Gruppe wäre. Und Sanac müsste seine Hausmacht in Wien opfern.

Auch über weitere Funktionen, etwa den Vizepräsidenten, den Vorsitzenden des Schurarats und den ersten Imam, wird noch verhandelt. Dem Vernehmen nach sind die türkischen Gruppierungen bedacht darauf, möglichst viele Posten für sich zu reklamieren. Hinter vorgehaltener Hand ist sogar von einer „türkischen Walze“ die Rede. Ein Hindernis: In allen Gremien der IGGiÖ gilt eine 50-Prozent-Grenze für jede ethnische Gruppe.

Um viel geht es für die „Initiative muslimischer Österreicherinnen und Österreicher“, die in der Ära Schakfeh unter anderem den persönlichen Assistenten des Präsidenten (Mouddar Khouja), den Integrationsbeauftragten (Omar Al-Rawi) und die Sprecherin der IGGiÖ (Carla-Amina Baghajati) stellte. Letztere, so hört man, soll auch in der kommenden Periode fix in den Obersten Rat, quasi die Regierung der IGGiÖ, einziehen.

Morgen, Sonntag, wählen die 208 Delegierten der Wiener Religionsgemeinde jene Vertreter, die sie in den Schurarat – das Parlament der IGGiÖ – entsenden. Dann wird sich weisen, welche Allianzen taktisch besonders geschickt agiert haben.

Wie groß die Rolle der Taktik ist, lässt sich aus den Ergebnislisten der bereits erfolgten Wahlen für die einzelnen Religionsgemeinden herauslesen. Für je 50 Mitglieder kann ein Verein einen Delegierten entsenden – wenig überraschend finden sich zahlreiche Vereine, die genau 50, 100 oder 200 Mitglieder für die Wahl registrieren ließen. Taktisch klug, schließlich musste jeder Wahlberechtigte eine Kultusumlage von 40 Euro entrichten.

 

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2011)