Ärzteserie: Die Verträge aller relevanten Hauptdarsteller wurden noch nicht verlängert. Ein Neubeginn der Serie mit frischen Gesichtern könnte bevorstehen.
Es könnte das Jahr der prominenten Serienabgänge werden. Nachdem bereits die US-Sitcom „Two and a Half Men“ mit Charlie Sheen ihren Hauptdarsteller verloren hat, könnte der Ärzteserie „Grey's Anatomy“ das gleiche Schicksal drohen. Und zwar gleich mehrfach.
Denn die Verträge so ziemlicher aller relevanten „Grey's Anatomy“-Stars laufen nach der derzeitigen Staffel aus. Bisher haben sich die Produzenten der Erfolgsserie bei ihren Schauspielern nicht um eine Verlängerung bemüht, was viele als Signal für einen Neuanfang mit unverbrauchten Gesichtern deuten: Wird doch die achte Staffel schon im Herbst in den USA ausgestrahlt, eine Fortsetzung darüber hinaus müsste also demnächst geplant werden.
Hört man Ellen Pompeo zu, Darstellerin von Dr. Meredith Grey, die der Serie ihren Namen gibt, stehen die Zeichen eher auf Abgang. „Niemand hat uns bisher gebeten, über Staffel acht hinaus dabeizubleiben“, sagt die 41-Jährige. „Also kann ich nicht annehmen, dass ich zurückkomme, wenn ich nicht dazu eingeladen wurde.“
Außer Pompeo sind mindestens fünf weitere Schauspieler betroffen, die seit Beginn der Serie dabei sind und trotz zahlreicher Neuzugänge immer noch jene Figuren verkörpern, die die Serie eigentlich tragen: Neben Sandra Oh (Dr. Yang) und Justin Chambers (Dr. Karev) würde wohl vor allem ein Abgang Patrick Dempseys einiges an Quote kosten. Denn in seiner Rolle als Dr. Derek Shepherd ist der 45-Jährige nicht ganz unwesentlich an der hohen Zahl an weiblichen Zuseher beteiligt.
Glaubt man US-Medien, lässt die „Grey's Anatomy“-Erfinderin und Produzentin Shonda Rhimes derzeit einen Massenabgang der Urbesetzung bewusst offen. „Ich weiß wirklich nicht, wer seinen Vertrag verlängern wird und ich mutmaße in dieser Angelegenheit auch nicht“, wird sie zitiert.
Möglich, dass alle Beteiligten derzeit einfach öffentlich hoch pokern. Möglich auch, dass die Gerüchte über einen Abgang der Serienstars gestreut wurden, um die Quote wieder zu beleben. Zwar läuft „Grey's Anatomy“ immer noch ganz gut, über die Jahre sind der Serie aber die Zuseher doch millionenweise abhandengekommen, in den USA von 19,4 Millionen (2005) auf 11,72 Mio. Seher (2011). Damit ist man nicht mehr allzu weit von jenen mageren 10,3 Millionen Sehern entfernt, die zum Aus der Langzeit-Ärzteserie „Emergency Room“ geführt haben.
Für Ellen Pompeo und ihre Ko-Stars war „Grey's Anatomy“ jedenfalls anno 2005 der große schauspielerische Durchbruch. Davor kannte man die meisten nicht oder bestenfalls als namenlose Nebendarsteller: Pompeo hatte etwa eine Gastrolle in „Friends“.
Fast alle hat aber seither das typische TV-Formate-Schicksal ereilt: einmal Serienarzt, immer Serienarzt. Andere Projekte verliefen, so vorhanden, selten erfolgreich, einzig Dempsey hat sich durch einige harmlose US-Komödien gespielt. Katherine Heigl (Dr. Stevens) wiederum dürfte mit ihrem Ausstieg aus der Serie 2010 rechtzeitig den Absprung geschafft haben. Trotz bislang eher mäßig anspruchsvoller Liebesfilmchen („28 Dresses“) wird sie als eine der großen Schauspielerinnen von morgen gehandelt.
Vielleicht wäre ein „Grey's Anatomy“-Neuanfang ohne die alten Gesichter ja gar nicht schlecht. Seit Meredith und Derek offiziell zusammen sind und sich mit Paarproblemen inklusive Fehlgeburten herumschlagen, vermissen viele die (erotische) Spannung der Serie. Die Handlungsstränge wirkten zuletzt oft zu konstruiert, die neu eingeführten Figuren eher wie Karikaturen, für das posttraumatische Stresssyndrom, unter der die halbe Seattle-Grace-Klinik nach diversen Amokläufen und detonierten Bomben leidet, fehlt langsam das Verständnis.
Sollte „Grey's Anatomy“ künftig tatsächlich ohne seine Hauptfigur auskommen, muss die Serie trotzdem nicht unbenannt werden: Mit Merediths Schwester Lexie (Chyler Leigh) ist noch eine Dr. Grey in der Besetzung.
Auf einen Blick
Die ABC-Serie „Grey's Anatomy“ läuft seit 2005 (derzeit ist die siebente Staffel montags um 21 Uhr in ORF eins zu sehen) und gilt neben „Emergency Room“ als eine der erfolgreichsten Ärzteserien weltweit.
Ellen Pompeo (als Dr. Grey) und Patrick Dempsey (als Dr. Shepherd) gehören zur Urbesetzung der Serie. Ihre Verträge, wie auch jene von vier weiteren Stars, laufen nun aus. Die Produzenten haben sich bisher nicht um eine Verlängerung bemüht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2011)