Zwei Parteichefs, zwei Abgänge, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Und doch: Beide verbindet ein dunkles Geheimnis.
Erinnern Sie sich noch an einen stattlichen Herren namens Josef Pröll? Ich hingegen erinnere mich sehr genau an ihn. Weniger an Veränderungen, die Josef Pröll im Land bewirkt hat, mehr schon an jene, die er in seiner Partei unterlassen hat. Am meisten aber an ein Foto. Es stammt aus jener Zeit, da er der Politik gerade entkommen gewesen ist. Es zeigt ihn in seinem Weinkeller sitzend, nicht wirklich entspannt, ein wenig unschlüssig blickend – wahrscheinlich wegen der großen Herausforderung, die auf ihn wartet. Er wolle nun mehr Zeit seinem Weinkeller widmen, meinte der Expolitiker. Was für eine Ansage!
Das Bekenntnis zur Vinophilie fällt in einem Land wie Österreich zwar nicht besonders schwer. Ganz anders Organisation und Verwaltung der einschlägigen Flaschenbestände. Allein, ob ein analoges, ein digitales oder gar kein Kellerbuch geführt werden soll, kann Entscheidungsschwächlinge in existenzielle Krisen stürzen. Und dann erst die Frage, wann die Produkte den einzig richtigen Genusszeitpunkt erreicht haben! Die Mühen, immer wieder eine Flasche verkosten zu müssen, um den Reifungsprozess begleiten zu können, sind kaum auszudenken. Das kann ganz und gar fordern. Man könnte Franz Vranitzky fragen, der bei dessen Abgang vor Äonen gleichfalls erklärt hat, nun endlich Zeit zu haben, seinen Weinkeller zu ordnen. Dabei ist der Weinkeller in Städten ja der letzte exklusive Ort Privilegierter. Beim Bau von Ein- oder Mehrfamilienhäusern wird auf alles mögliche Wert gelegt. Nur an einen Weinkeller denkt niemand. Ob die Herrn Pröll und Vranitzky noch ein, zwei Nischen frei hätten?
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2011)