Causa Grasser: "Wie in einem schlechten Krimi"

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Vermögensverwalter Norbert Wicki, angeblich "Mastermind" hinter Karl-Heinz Grassers Finanzgeschäften, erstmals im Interview. Ausdrücklich gestattet hat ihm das seine Topkundin - Grassers Schwiegermutter.

Zu Besuch in der Lindenstraße 10. Klingt lauschig, ist es aber nicht. Vielmehr ist die Lindenstraße eine von vielen Zufahrten zu einer Art Gewerbepark der Gemeinde Baar im Schweizer Kanton Zug. Erstaunlich: Hier residiert eine Vermögensverwaltung, die nach eigenen Angaben Kunden in der ganzen Welt hat. Äußerst vermögende Kunden, wohlgemerkt. Schwer vorstellbar angesichts eines Besprechungszimmers, an dessen Fenster die Schnellbahn in regelmäßigen Abständen vorbeidonnert. Es gäbe sicher vornehmere Adressen.

Aber wir wissen ja: Understatement gehört ja irgendwie auch zum Geschäft des Vermögensverwalters. Diskretion sowieso.

Gerade mit Letzterer hat Norbert Wicki neuerdings seine liebe Not. Dabei ist er viele Jahre lang seinem Geschäft so absolut problemlos nachgegangen: Vor rund zehn Jahren hat er seinem Arbeitgeber, der BNP Paribas, den Rücken gekehrt und sich mit der „Private Asset Partners“ selbstständig gemacht. Es sollte ihm nicht zum Nachteil gereichen.

Und dann trat ein gewisser Karl-Heinz Grasser in sein Leben.

Seitdem ist Norbert Wickis Alltag deutlich mühsamer geworden. So könnte man vornehm zurückhaltend formulieren. Wickis Nerven liegen aber blank, und daher gibt's keine noble Zurückhaltung. „Ich fühle mich missbraucht“, sagt er. „Ich bin ein absolut seriöser Mensch und werde plötzlich in eine zweifelhafte Ecke gestellt. Das kommt langsam einem Rufmord gleich und ist geschäftsschädigend. Mich empört das unsäglich.“

Mitte April hat es bei Wicki drei Hausdurchsuchungen gegeben: bei ihm zu Hause, in seinem Büro in Liechtenstein und in Baar. Eine Woche später ist er aufgrund eines Rechtshilfeansuchens der österreichischen Ermittler von deren Schweizer Kollegen zur Einvernahme geladen worden. Dort hat er sich der Aussage entschlagen.

Der „Presse“ gegenüber legt er sein „Schweigegelübde“ ab. Wicki merkt nämlich, dass ihm die Sache schön langsam entgleitet: In österreichischen Medien wird er oft als Grassers Finanzberater, meist aber als „Mastermind“ hinter Grassers reichlich verzweigten Finanzgeschäften bezeichnet. Die Buwog-Provisionen? Das diskrete Investment in Genussscheine der Hypo Alpe Adria? Da wird Wickis Offshorefirma „Mandarin Group“ gern „Sammelstelle für Gelder aus unterschiedlichen Quellen“ genannt. „Ich komme mir vor wie in einem schlechten Krimi“, sagt Wicki.

Schluss also mit der vornehmen Zurückhaltung. Jetzt ist ihm ja auch ausdrücklich erlaubt worden zu reden. Und zwar von Marina Giori-Lhota herself. Grassers Schwiegermutter.

Mit ihr beginnt nämlich die spannende Story: Wicki kennt sie seit rund 15 Jahren, er ist ihr Vermögensverwalter. So etwas verbindet, und klarerweise war Wicki auch immer wieder „bei privaten Partys“ eingeladen. Er kennt also die Familie Swarovski – und wurde selbstverständlich auch vor Jahren Gioris neuem Schwiegersohn, Karl-Heinz Grasser, vorgestellt.

„Ich hatte aber niemals geschäftliche Beziehungen zu Grasser“, betont Wicki. Der Satz wird im Laufe des Interviews noch mehrmals fallen.

Das deshalb, weil die Ereignisse des Jahres 2007 doch einen anderen Eindruck erwecken könnten: Da meldet sich ein alter Bekannter bei Norbert Wicki. Es ist Christoph Wirnsberger, seines Zeichens Vermögensberater von Grasser-Trauzeuge Walter Meischberger. Warum er sich just bei Wicki meldet, ist nicht ganz klar – möglicherweise, weil er weiß, dass Wicki beim Swarovski-Clan bestens beleumundet ist. Es geht ja um ein Geschäft, das letztlich Grasser dienlich sein soll: Bei dessen Arbeitgeber, Meinl International Power (MIP), kriselt es gerade ganz gewaltig, weil sich die Aktionäre gegen den Vorstand formieren. Meischberger will also jede Menge MIP-Aktien erwerben, um entsprechende Stimmberechtigungen bei der Hauptversammlung zu haben. Er persönlich will aber nicht in Erscheinung treten.

Für Wicki ist das „ein klassisches Treuhandgeschäft“, gegen das er keine Bedenken hat. Klarerweise habe er vorher Erkundigungen über die Person Meischbergers sowie über die mögliche Herkunft des Geldes eingeholt. Und das fließt nicht zu knapp: Mittels Kreditvertrag „leiht“ Meischberger Wicki 500.000 Euro, mit denen die Aktien zu kaufen sind.

Heute weiß Wicki wohl: Von Geschäftsbeziehungen zu Meischberger hätte er besser die Finger lassen sollen. Erstens, weil ein Kundenstock bestehend aus Meischberger kombiniert mit der Grasser-Schwiegermutter medienpolitisch echt keinen schlanken Fuß macht. Und zweitens, weil das „Geschäft“ für Wicki schlicht keines war: Für den Kredit musste er Meischberger Zinsen in Höhe von 3,5Prozent zahlen – die zwar durch ein Verwaltungshonorar egalisiert wurden. Aber persönlich hat Wicki jede Menge Geld verloren: Er selbst hatte an die glorreiche Zukunft der MIP geglaubt und in Aktien investiert. Dass es den Kurs rasch zerbröseln sollte, ahnte er damals natürlich nicht. Zumal er Grasser immer wieder Kontakte zu potenziellen Geschäftspartnern angeboten hatte. Der smarte Ex-Finanzminister „hat davon aber nie Gebrauch gemacht“, sagt Wicki.

Aber noch einmal: Gespräche mit Grasser habe er immer wieder geführt. Geschäftsbeziehung habe es keine gegeben.

Einen einzigen Formalakt habe es mit Grasser gegeben – nämlich die Unterzeichnung eines Treuhandvertrags im September 2009. Den Vertrag zeigt Wicki bereitwillig her. Da steht denn auch schwarz auf weiß, dass es um die treuhändische Veranlagung von 780.000 Euro geht. An den Vermögenswerten wirtschaftlich berechtigt: Marina Giori-Lhota.

Das ist – wie sich mittlerweile herausgestellt hat – jener Betrag, den Giori aus dem Investment in Hypo-Genussscheine lukriert hat. Ihr Einsatz waren übrigens jene 500.000 Euro, die Grasser Jahre zuvor bar in einem Kuvert von der Schweiz nach Österreich gebracht hatte. Weil Giori sein „Veranlagungsgeschick“ testen wollte.

Erst nach und nach, erzählt Wicki, sei er aufgrund von Medienberichten daraufgekommen, was es mit den ihm anvertrauten Geldern auf sich hat: Dass Meischberger im Buwog-Skandal verstrickt ist (Wicki: „Ich habe zuerst einmal recherchieren müssen, was die Buwog überhaupt ist.“). Und dass die Gelder von Giori aus einem Hypo-Investment stammen, das, sagen wir einmal, höchst umstritten ist.

Nachdem die Affäre Buwog hochging, sei er jedenfalls aus allen Wolken gefallen und habe Grasser zu einer Unterredung in Zürich gebeten. Grasser hatte damals Gerald Toifl, Anwalt von Meischberger, im Schlepptau. „Beide haben mir in dem 45 Minuten dauernden Gespräch dargelegt, dass an der Sache absolut nichts dran sei“, erzählt Wicki. „Und das hat mich dann beruhigt.“

Ein Trugschluss. Rasch wurde jenes Konto, über das die Transaktionen erfolgten, von der Justiz gesperrt. Wicki: „Dabei war da schon lange kein Geld mehr von Meischberger oder Giori darauf. Auf dem Konto ist nur mehr Geld von einem russischen Kunden, auf das ich jetzt keinen Zugriff habe.“

Ob er mit Grasser noch Kontakt habe? „Nein, schon lange nicht“, sagt Wicki. „Sein Anwalt hat zwar mehrmals versucht, mich zu kontaktieren. Aber mit dem Herrn Ainedter (Manfred Ainedter,Anm.) spreche ich nicht.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2011)