Der kurze Augenblick der überraschenden Erkenntnis

Zeiten, in denen ich einsam, bedrückt, ratlos bin, können wichtig sein. In welchem Gespräch beginnt mein Herz zu brennen?

Michelangelo Merisi da Caravaggios erste Fassung des „Abendmahls in Emmaus“ entstand 1601 in Rom. Der Jünger links von Jesus hat die Arme weit auseinandergerissen, sodass man beinahe aus dem Bild heraus von seinen Fingerspitzen berührt wird; der Jünger gegenüber hat die Armlehnen seines Stuhles ergriffen, zum Aufspringen bereit.

Beide richten ihren Blick höchst erstaunt auf einen Bereich in der Mitte der Bildkomposition, wo die Hände Jesu in geheimnisvoller Gestik aus dem Bild hinausweisen. Wer die Emmaus-Geschichte im Abschlusskapitel des Lukasevangeliums kennt, beginnt nach einer Weile der Betrachtung, diesen rätselhaften Moment zu entziffern.

Die beiden Jünger waren am dritten Tag nach der Kreuzigung bedrückt von Jerusalem nach Emmaus aufgebrochen. Ein Fremder gesellte sich zu ihnen, der sich als anregender Gesprächspartner herausstellte. Sie überredeten ihn, mit ihnen einzukehren. Zu Beginn des Essens spricht der Fremde ein Tischgebet, doch als er das Brot bricht, gehen den beiden Jüngern die Augen auf.

Der geheimnisvolle Bereich im Zentrum des Bildes ist der Raum, wo Jesus das Brot gebrochen hat. Jesus entzieht sich dem Blick des Betrachters, weil die Jünger in jenem Moment, da sie verstehen, wer ihr Begleiter ist, ihn nicht mehr sehen können. Verweist Jesus mit seiner Geste in jenen himmlischen Bereich, in den er gerade entweicht? Oder deutet er noch dezent auf den Betrachter? „Schau auch du in diesen Raum und verstehe!“

Der kurze Augenblick der Erkenntnis lässt die Jünger alles in einem neuen Licht sehen. Erst im Nachhinein bemerken sie, welch ergreifende Wirkung die Begegnung mit dem Fremden auf sie ausgeübt hat. Und erst im Rückblick beginnen die ersten Christen, die Bedeutung Jesu von ihren Heiligen Schriften her, dem Alten Testament, zu verstehen.

Auch die unscheinbare Szene, wie Jesus auf dem Esel nach Jerusalem reitet, verstehen sie erst nach Ostern als Hinweis des Propheten Sacharja auf den Friedenskönig: „Juble laut, Tochter Zion! Jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist gerecht und hilft; er ist demütig und reitet auf einem Esel, auf einem Fohlen, dem Jungen einer Eselin. Ich vernichte die Streitwagen aus Efraim und die Rosse aus Jerusalem, vernichtet wird der Kriegsbogen. Er verkündet für die Völker den Frieden.“

Joh 12, 16

Das alles verstanden seine Jünger zunächst nicht.


Caravaggios Abendmahl in Emmaus habe ich zum ersten Mal mit 15Jahren in der National Gallery in London gesehen. Heute verstehe ich besser, warum sich das Gemälde mir damals unvergesslich eingebrannt hat. Zeiten, in denen ich einsam, bedrückt und ratlos bin, können wichtig sein. Sie können Augenblicke überraschender Erkenntnis vorbereiten. In welchem Gespräch beginnt mein Herz zu brennen?

Bimail steht für Bibelmail, ein wöchentliches Rundschreiben des Teams um Pater Georg Sporschill, adressiert an Führungskräfte. Darin werden Lehren aus der Bibel auf das Leben von heute umgelegt.


E-Mails: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.05.2011)