Das umkämpfte Gold der Kosaken

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Ukrainische Anwältin vs. Leutnant des russischen Geheimdienstes: Kate Shevchenko inszeniert einen spannenden Historienkrimi zwischen Moskau, Kiew, Wien und London.

Wenn die Gegenwart nicht allzu viel Erbauliches zu bieten hat, dann muss häufig die Vergangenheit herhalten: Sie verheißt Ruhm – und manchmal sogar Reichtum.

Anfang der Neunzigerjahre machte in der Ukraine ein Gerücht die Runde, aus dem später ein Fall für die internationale Diplomatie werden sollte: Die Rede war von einem Goldschatz, der vom Kosaken-Hetman Pawlo Polubotko zu Beginn des 18. Jahrhunderts vor dem über die „freien Krieger“ triumphierenden russischen Zaren Peter dem Großen gerettet – und in der Bank of England deponiert worden war. 29Trillionen Dollar soll der Schatz, den Polubotko einer „unabhängigen Ukraine“ versprochen hatte, im Jahr 1990 wert gewesen sein, wurde kolportiert.

Eine Finanzspritze, die die Ukraine auf dem Weg in die Unabhängigkeit gut hätte gebrauchen können, ein blitzschnelles Allheilmittel für alle Probleme, wirtschaftliche wie soziale. Das Geld wurde niemals gefunden. Es blieb bei einer Wunschvorstellung – einer Wunschvorstellung, die die in der Ukraine aufgewachsene und in Großbritannien lebende Autorin Kate Shevchenko zum Ausgangspunkt ihres Kriminalromans macht.

Akte im Archiv.
Mit Kosakenfantasien hat Leutnant Taras Petrenko, Ukrainer im Dienste des russischen Geheimdienstes FSB, nicht viel am Hut. Er versteht sich auf „argumenty i fakty“ – Argumente und Fakten. Bei einer Archivrecherche stößt er auf die Akte mit der Nummer N1247. Dort findet er Hinweise, dass der besagte Kosakenschatz tatsächlich existiert – würde die heutige Ukraine Anspruch auf sein Erbe stellen, brächte dies das politische Gleichgewicht des heutigen Europa empfindlich durcheinander. Es würde nicht nur die Sanierung des Kiewer Staatshaushalts bedeuten, sondern auch Großbritannien in die finanzielle Bredouille bringen. Der Ukraine brächte das Geld nicht nur eine internationale Aufmerksamkeit, sondern auch Unabhängigkeit gegenüber Russland. Für den FSB eine Horrorvision.

Petrenko soll verhindern, dass dieses Schreckensszenario Wirklichkeit wird. Doch er hat Gegenspieler: Den ukrainischen Historiker Andrij, zufällig Studienkollege aus seinen alten Lemberger Tagen, als Taras als studierender Nachwuchsspion die „nationalistischen“ Intellektuellenkreise infiltrieren sollte. Andrij kennt ebenfalls Teile der Akte und ist nach London gefahren, um die noch fehlenden Dokumente zu suchen.

Petrenko kann seinen früheren Freund beseitigen – sanfte Betäubung, brutaler Brückensturz, ein „Unfall“. Doch es gibt noch eine Mitwisserin: Andrij hat die Londoner Anwältin Kate, auch sie hat ukrainische Wurzeln, informiert. Der Kampf um das „Fatale Erbe“, so der Buchtitel Shevchenkos, beginnt.

Ukraine will das Gold zurück. Zum Schluss gelangt Shevchenko dort an, wo sich auch die ukrainische Diplomatie schon fast einmal befunden hat: Der Präsident des Landes will das Geld von Großbritannien zurückfordern. Wie Shevchenko das Staatsoberhaupt sich in seine Rolle als nationalen Wohltäter hineinfantasieren lässt, ist großartig zu lesen – und karikiert die kruden Allmachtsfantasien der konzeptlosen Nach-Wende-Politiker treffsicher.


Die Zeit der Helden ist vorüber. Kate Shevchenko inszeniert einen spannenden Historienkrimi mit vielen Rückblenden, Erzähler- und Schauplatzwechseln. Den roten Faden verliert sie nie, trotz der vielfältigen historischen Verweise und Persönlichkeiten, die sie ins Spiel bringt. Doch gibt es zumindest in der Fiktion jene nationale Erlösung für die Ukraine, die ihr die Realität versagt hat? Wenn man einen Schluss aus Shevchenkos Roman ziehen kann, dann folgenden: Die Zeit des Heils und der Helden ist vorüber. Heute geht es darum, seine eigene Haut zu retten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2011)

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