Die fetten Jahre der österreichischen Textilindustrie sind vorbei. Verbleibende Produktionsstätten suchen sich ihre Nischen und öffnen sich der Designszene.
Modemachen gut und schön; wenn ein noch so toller Entwurf nicht als passabel gefertigtes Kleidungsstück ausgeführt wird, endet die ambitionierte Unternehmung aber als Blamage. Schließlich achtet die Klientel immer akribischer auf gute Verarbeitung. Eine zusätzliche Krux für die Anbieter? Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Produktionskosten gespart werden. Konfektion in Fernost, das kommt für heimische Labels ob astronomischer Mindestordermengen nicht infrage. So lassen die meisten in osteuropäischen Ländern fertigen.
Serielle Fertigung in Österreich als Standardprozedere, die Zeiten sind ja leider vorbei. Dennoch gibt es zuletzt wieder verstärkt das Bemühen, zu retten, was zu retten ist. Die Erstellung von Prototypen und Musterkollektionen im Inland ist nämlich denkbar und auch logistisch sinnvoll: „Unser Anliegen ist es, diesen Bereich in Österreich zu verankern. Dabei geht es zum Beispiel um die Arbeitsleistung von Lohnwerkstätten, das Schnittgradieren und die Erstellung von Produktionsschnitten“, fasst Marlene Agreiter zusammen. Als operative Projektleiterin der von AustrianFashion.Net initiierten Kooperationsbörse ist ihr daran gelegen, Designer und Fachbetriebe kurzzuschließen.
Spezialisten sind gefragt. Was noch in Österreich passiert, das passiert in der Nische. Ein wichtiges Argument ist der hohe Spezialisierungsgrad mancher Betriebe: „Je innovativer ein Label in einem bestimmten Bereich ist, desto eher findet es Produktionspartner in Österreich“, meint Agreiter.
Ähnlich sieht das der Geschäftsführer des steirischen Lohnfertigers Innotex, Karl-Heinz Paar: „Anders als mit Nischenproduktion für hoch exklusive Mode ist das Überleben in Österreich nicht mehr möglich.“ Vor zehn Jahren gründete der diplomierte Bekleidungstechniker seine Firma und fertigt unter anderem für das Kärntner Traditionsunternehmen Rettl und Kayiko von Karin Oèbster in Wien. „Es gibt nur mehr einen kleinen Kreis potenzieller Kunden im Inland“, lautet Paars Einschätzung. Dennoch: Von kolportierten 500.000 Euro Umsatz 2007 hat sich Innotex auf zuletzt fast 600.000 Euro gesteigert: „Unsere Kunden hatten gute Jahre, das wirkt sich auch auf uns aus.“ Mitbewerber gebe es nur mehr wenige, so Paar, und „das Rennen um jeden Auftrag“ sei ausgesetzt. Neukunden gewinne man über Mundpropaganda; anzubieten habe man neben der Qualität auch flexible Auftragsabwicklung: „Wir bieten alles an, Handarbeit, Einzelteile, Kleinserien von 30 Stück sind schon viel. Das erfordert entsprechende Flexibilität bei unseren Mitarbeitern. Das sture Eine-Naht-zehn-Jahre lang-Nähen gibt es heute nicht mehr.“
Neues Terrain. Während viele alteingesessene Firmen verschwunden sind, erkennen andere in der Ausweitung ihres Aktionsradius eine Chance. So Birol Turan, Leiter eines in Favoriten ansässigen Kürschner- und Lederverarbeitungsbetriebs, den der 31-Jährige 2004 von seinem Vater übernommen hat. Seit drei Jahren fertigt er auch Textilkollektionen: „Als Kürschner haben wir für Firmen gearbeitet, die auch Textil anbieten und immer wieder deswegen bei uns angefragt haben. So hat sich das ergeben“, erzählt Turan. Man fertigt fast ausschließlich Prototypen und Musterkollektionen – zum Beispiel für das Wiener Label Tiberius. „Konfektionsproduktion in Österreich wie noch in den Achtziger- und Neunzigerjahren, das gibt es heute nicht mehr“, weiß auch Turan. Zugleich betont er, wie wichtig es sei, für qualifizierten Nachwuchs zu sorgen. In seinem Betrieb werden derzeit zwei Kürschnerlehrlinge ausgebildet. „Das ist für einen Betrieb ja die einzige Möglichkeit, später gute Mitarbeiter zu bekommen.“ In das gleiche Horn stößt auch Heidemarie Themel, die seit den Achtzigerjahren in Klagenfurt Produktionsvermittlung übernimmt, etwa für Lena Hoschek. Sie arbeitet in erster Linie mit Betrieben in Slowenien, Kroatien und zum Teil auch Serbien zusammen: „Das Drama in Europa ist, dass es kaum mehr gut ausgebildete Leute gibt. Und ohne Fachkräfte lässt sich keine gute Ware produzieren. In Kroatien gibt es noch gute Textilschulen, bei uns will keiner mehr diese Jobs machen, weil sie brotlos sind.“ Die über Jahre verfolgbare Tendenz zur Auslagerung fordere nun, so Themel, ihren Tribut: „Da haben wir uns selbst ins Knie geschossen, und der Schritt zurück ist teuer. Im Grunde fehlt uns heute eine ganze Generation, also braucht es Zeit, bis das aufgeholt werden kann.“
Preisverdächtig. Ähnlich sieht das die Wiener Innungsmeisterin für Bekleidungsgewerbe, Patrizia Fürnkranz-Markus. Um das Gewerbe zu stärken und für Designer einen Anreiz zu schaffen, ihre Musterkollektionen in Österreich fertigen zu lassen, wurde nun von der Wirtschaftskammer Wien ein Preis ausgelobt, der heuer erstmals verliehen wird: je 10.000 Euro für ein Damen- und ein Herrenlabel als Zuschuss für die Produktion einer Musterkollektion, die Bruttowertschöpfung hat in Österreich zu erfolgen. „Je besser es dem Gewerbe geht, desto mehr floriert die ganze Branche“, ist Fürnkranz-Markus überzeugt. Und Möglichkeiten der Zusammenarbeit gibt es offenbar genug.
Austrian Fashion Awards Die Gala zur Verleihung findet am 9. Juni im Rahmen des 11 Festival statt. Vergeben werden u. a. Preise der Stadt Wien, des BMUKK, der WKW und der Erste Bank.
Produktionspreis der WKW Nominiert sind Wilfried Mayer, Eric Rainer, Steinwidder und Mija T. Rosa.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2011)