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Psychologin: »Bei Gewalt kann man Ausreden keinesfalls gelten lassen«

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Psychologin Brigitte Rollett im Interview über sadistische Erziehungsmethoden, über »Daily Hassles« und deren Auswirkungen: "Körperliche Strafen als „Erziehungsmethode“ haben eine sadistische Komponente".

Überforderung gilt oft als Grund für unpassende Erziehungsmethoden, die in manchen Fällen sogar sadistische Züge haben. Lassen Sie dieses Argument gelten?

Brigitte Rollett: Überforderung kann es wohl sein, aber es macht einen großen Unterschied, zu welchen Mitteln man greift. Gewalt, die unter dem Deckmantel der Erziehungsmethode angewandt wird, darf man nicht dulden. Ausreden wie „Es war ein Ausrutscher“ oder „Ich mache es, weil ich so genervt bin und das Kind mich dazu gebracht hat“ kann man keinesfalls gelten lassen.

Kann jeder Mensch zum Quäler werden?

Es gibt einen speziellen, nicht sehr häufigen Typ Mensch, der Lust empfindet, wenn er anderen Schmerzen zufügt – sadistische Personen. Diese Menschen sind eher geneigt, sich Opfer zu suchen, von denen sie keine Vergeltungen zu befürchten haben. Körperliche Strafen als „Erziehungsmethode“ haben tatsächlich eine sadistische Komponente, die sich gegen Schwächere richtet. Das zeigt sich daran, dass ältere Kinder eher geschützt sind, obwohl wir alle wissen, dass Jugendliche viel mehr „anstellen“.

Sie suchen sich schwache Opfer, weil sich ältere Kinder wehren können?

Es gibt genügend Fälle, bei denen ein Jugendlicher seinen Vater, der ihn verprügeln wollte, selbst verprügelt hat. Der Vater hat es dann in den allermeisten Fällen nicht mehr versucht. Es ist leider eine uralte Tradition, dass sich Gewalt gegen Kinder, vor allem gegen kleine Kinder, richtet. Dass die betreffenden Personen selbst genau wissen, dass ihr Verhalten nicht in Ordnung ist, erkennt man daran, dass sie ihre „Erziehungsmethoden“ ängstlich verschweigen und dass sie auch den Opfern verbieten, darüber zu reden.

Warum passiert es, dass solche Menschen Pflegekinder bekommen?

Weil es oft Personen sind, die es sehr gut verstehen, für sich zu werben und andere für sich einzunehmen. Deshalb haben die Opfer in vielen Fällen wenige bis keine Chancen, bei anderen Glaubwürdigkeit zu erzeugen. Für diese Personen bedeutet die Quälerei aber einen Lustgewinn, deswegen halten sie an ihnen fest und schauen, dass sie immer wieder Kinder bekommen. Und sie bekommen sie auch wieder. In Österreich gab es den berühmten Fall der „Maria in der Kiste“. Ein Mädchen wurde von ihren Pflegeeltern gezwungen, ihre gesamte Freizeit in einer kleinen Kiste zu verbringen. Die Familie wurde in ihrem Ort als Vorzeigefamilie, die Mutter als Supermama gehandelt.

Was richtet Missbrauch beziehungsweise Gewalt bei den Kindern an?

Wir alle leben davon, dass unser Innenleben uns positive Gedanken liefert. Menschen, die mit dem Leben gut zurechtkommen, überstehen auch schwierige Phasen, weil sie daran glauben, dass sie es irgendwie schaffen werden. Kindern, die misshandelt wurden, fehlt dieses Vertrauen zu sich selbst. Nicht nur dramatische Erlebnisse, wie sexueller Missbrauch oder Schläge, können schlimme Folgen haben. Sogenannte „Daily Hassles“ – die täglichen Widrigkeiten, wie zum Beispiel das Vermiesen von Schulerfolgen – können viel schädlicher wirken, weil sie den ganzen Tag begleiten und die Energie des Kindes aufsaugen.

Welche Auswirkungen hat das auf ihr späteres Leben als Erwachsener?

Die Folgen sind nicht für alle gleich. Es gibt zum einen die sogenannten resilienten Kinder, die durch glückliche Umstände auch mit schwierigen Situationen fertig werden. Andere schaffen es mit gezielter Verdrängung. Sie haben innerlich eine „Schreckenskammer“, die sie „zugesperrt“ haben. Dann gibt es diejenigen, die Probleme haben, sich von den Quälern zu lösen. Sehr oft haben Menschen aus solchen Familien auch einen zu niedrigen Standard, was man sich von anderen gefallen lassen darf und was nicht.

Lässt sich das auf spätere Beziehungen umlegen?

Weil sie so einen niedrigen Standard haben, geraten solche Menschen oft wieder an Quäler. Diese erkennen die Opfer. Da geht es um kleine Signale: Die Quäler beleidigen zum Beispiel jemanden, und derjenige lässt es sich gefallen, das heißt: Er reagiert wie ein Opfer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2011)