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SuperMarkt: Die Kämpferin gegen das teutonische Leistungsmonster

(c) REUTERS (GONZALO FUENTES)
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Mit Christine Lagarde drängt wieder eine "Bürgerliche" an die Spitze des IWF. Die Konservativen jubeln. Sie wissen nur noch nicht, warum. Vor allem, wenn die Lagarde höchst eigenartige Positionen vertritt.

Einem ziemlich mächtigen Mann nachzufolgen, der gröbere Schwierigkeiten damit hat, den Wirkungsbereich amerikanischer Stubenmädel richtig einzuschätzen, ist bestimmt keine angenehme Aufgabe. Viele – um nicht zu sagen: alle – führenden europäischen Politiker sind sich jedoch einig, dass eine Frau aus ihren eigenen Reihen den Job erledigen soll, weil sie der Sache auch gewachsen ist: Christine Lagarde, amtierende Wirtschafts- und Finanzministerin Frankreichs. Die resolute Politikerin sieht das übrigens genauso, weshalb sie vergangene Woche ihre Kandidatur für die Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF) abgegeben und den Job damit so gut wie in der Tasche hat.

Die Vertreter der konservativen Parteien feiern Lagardes Kandidatur geradezu hymnisch. Kein Wunder, die Chancen, dass der IWF nach dem Abgang des „roten“ Dominique Strauss-Kahn bald wieder in „rechter“ Hand ist, stehen schließlich hervorragend. Aber nicht nur das bürgerliche Lager ist von der energischen Französin begeistert. Auch aus Sicht der ehrwürdigen „Financial Times“ könnte die Wahl auf keine Bessere fallen: Das Londoner Blatt kürte Christine Lagarde im Vorjahr sogar zur „besten Finanzministerin der Eurozone“. Wenn britische Medien französische Politiker in den Himmel heben, dann will das schon was heißen.
Vor allem, wenn die „beste Finanzministerin der Eurozone“ höchst eigenartige Positionen vertritt. Zum Beispiel, wenn sie die Deutschen für deren Konkurrenzfähigkeit tadelt. Deutschland, so analysierte Lagarde im März 2010, hätte nicht nur die Finanzkrise mitverursacht, sondern sich auch auf Kosten heute taumelnder Länder wie Griechenland bereichert. Wie das gehen soll? Ganz einfach: Mit ihrer überaus schlagkräftigen Exportwirtschaft wären die Deutschen so etwas wie der große Nutznießer der Verschuldung griechischer Haushalte gewesen. Hätten die Deutschen mit ihrer zurückhaltenden Lohnpolitik nicht so wettbewerbsfähige Produkte in die Schaufenster gestellt, wären die Griechen auch nie in Versuchung geführt worden, sich so stark zu verschulden. So aber mussten sie sich geradezu deutsche Luxuskarossen und Maschinen auf Pump zulegen.

Die Sendung mit der Maus. Namhafte Vertreter des Wifo, der Arbeiterkammer, der europäischen Gewerkschaftsbewegung oder des globalen Anti-Globalisierungsnetzwerks Attac hätten es nicht besser sagen können: Bezahlten die deutschen Arbeitgeber einfach höhere Löhne, schon lösten sich die allergrößten ökonomischen Probleme der Eurozone in Luft auf.
Das beginnt schon einmal damit, dass die teutonischen Leistungsmonster mit höheren Löhnen endlich ihre (unsympathisch gute) Wettbewerbsposition geschwächt und auch einmal die anderen rangelassen haben. Das, so entnimmt man der waldorfisierten Wirtschaftstheorie, sei das Mindeste, das die reichen Deutschen für die armen Schlucker im Süden tun könnten. Diese Argumentation ist zweifellos gut gemeint, steht aber im Verdacht, einer nicht wirklich haltbaren Logik zu folgen. Ein schlechter Schüler wird schließlich auch nicht besser, wenn sein strebernder Sitznachbar absichtlich ein paar Aufgaben falsch löst.

Noch wichtiger ist freilich, dass die deutschen Arbeitnehmer mit höheren Löhnen mehr einkaufen könnten. Darüber würde sich nicht nur die deutsche Wirtschaft freuen. Die kaufkraftgestärkten Germanen würden ihre Einkommenssteigerungen ja auch griechischen Reedereien, portugiesischen Sardinenfabrikanten und spanischen Ferienklubs anvertrauen. Auf diese Weise würden also die Handelsungleichgewichte innerhalb der Eurozone abgebaut. Und genau das ist eines der erklärten Ziele von Madame Lagarde. Nicht zu Unrecht, allerdings ist es schon etwas merkwürdig, das Problem im deutschen Ausfuhrüberschuss zu vermuten und nicht im notorischen Defizit jener Eurostaaten, die seit Jahren vor allem deshalb in die Krise geschlittert sind, weil sie die Kaufkraft ihrer Wähler künstlich gestärkt haben, statt die Wirtschaft auf Wettbewerb zu trimmen – und die höheren Löhne zu erarbeiten.
Mit dieser Position ist Lagarde in bester Gesellschaft. Marco Buti etwa hat vorgeschlagen, dass es in der EU so etwas wie Obergrenzen für Außenhandelsüberschüsse geben sollte. Das ist kein Witz. Der Mann ist ja auch kein Komiker, sondern Generaldirektor für Wirtschaft und Finanzen in der EU-Kommission. Wie er das machen will? Schwer zu sagen. Vermutlich müssten die Bewohner hochproduktiver Länder eine vorgeschriebene Menge an qualitativ minderen, dafür stark überteuerten Gütern von ihren Eurobruderländern einführen, um so ihre Handelsüberschüsse abzubauen und Sühne für ihre Konkurrenzfähigkeit zu leisten.

Im Geiste Frankreichs.
Schafft es Christine Lagarde tatsächlich an die Spitze des IWF, dürfen zumindest die Mitarbeiter amerikanischer Luxushotels wieder unbehelligt ihrer Arbeit nachgehen. An der von Strauss-Kahn eingeschlagenen Linie wird sich aber nicht viel ändern. Sie bleibt eine französische. Und dazu gehört es eben, jene Länder zu kritisieren, die einiges getan haben, um ihre Position auf den Weltmärkten zu stärken. Heute werden Handelsbilanzüberschüsse bekämpft, während früher Defizite als Gefahr erkannt wurden. Das war übrigens in jenen Tagen, in denen höhere Löhne nicht als Auslöser guter Wirtschaftsdaten verstanden wurden. Sondern als deren Folge.

franz.schellhorn@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2011)