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Der „arabische Frühling“ – eine Lektion in Sachen Freiheit

Von Tunis nach Kairo. Ob die Freiheitsbewegung letztlich zur Demokratie führen wird, steht dahin. Doch die Konterrevolution wird nicht gewinnen.

Rundschau

Was war und ist das Überraschendste am „arabischen Frühling“? Gewiss nicht der Gewalteinsatz der Tyrannen, sei es in Libyen oder in Syrien, in Bahrain oder im Jemen. Damit musste man rechnen, das Schlimmste steht vielleicht sogar noch bevor.

Was keiner erwartet hatte, war Dreierlei. Erstens die Friedlichkeit und hartnäckige Geduld der Demonstranten in Tunis und Kairo: nach 31 Tagen flüchtete Ben Ali ins saudische Exil, nach 18Tagen stürzte Präsident Mubarak. „Keine Gewalt!“ hieß es schon bei der Revolution von 1989/90.

Zweitens die Selbstorganisation der aufständischen Jugend per SMS, Twitter und Internet. Besonders erstaunlich war die aktive Rolle selbstbewusster Musliminnen. Drittens die Ideologiefreiheit dieses geschichtsmächtigen Aufstandes. Ihm ging es zuallererst um Freiheit und um die Anerkennung der eigenen Würde.

Auf dem Kairoer Tahrirplatz gab es keinen antiamerikanischen Furor und so gut wie keine Verbrennung israelischer Fahnen. Die Muslimbruderschaft war an den Rand gedrängt. Große Teile dieser Organisation suchen jetzt eine Neuorientierung, zum Beispiel bei der türkischen AKP.

 

Neue Polarisierung bahnt sich an

Doch der Reformprozess beginnt zu stagnieren. Die Anzeichen für eine neue Polarisierung mehren sich: Attacken auf koptische Christen etwa oder kürzlich auf die israelische Botschaft in Kairo. Der Freiheitskampf ist längst noch nicht gewonnen.

Sechzig Prozent der 350 Millionen Araber sind jünger als dreißig Jahre. Soziologen sprechen von einem „Youth bulge“, einer Bugwelle von Alterskohorten, denen die Regimes seit Jahrzehnten weder Jobs noch Möglichkeiten zur Selbstentfaltung anbieten konnten. In der Geschichte hat ein Generationsüberschuss von Millionen perspektivlosen Männern oft in Kriegen eine „Entlastung“ gefunden. Diesmal bleibt es hoffentlich nur beim Kampf gegen die eigenen Unterdrücker.

Doch kann man sicher sein? Man denke an die Bedeutung des Öls, des Lebenssaftes der Weltwirtschaft, dessen Reserven zu sechzig Prozent in dieser Schlüsselregion lagern. Oder an die schiitisch-sunnitische Machtrivalität im Zeichen der iranischen Atomwaffenentwicklung.

Eines steht fest: die arabischen Gewaltherrscher haben – sogar noch nach der tunesischen „Jasmin“-Revolution – die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Statt zum letztmöglichen Zeitpunkt echte Reformen zu starten, ließen sie sich unter dem Feldzeichen „Wir oder ihr“ auf den Vernichtungskampf ein.

Da die Despoten ihrer Jugend Freiheit und politische Teilhabe verweigerten und die Ausweglosigkeit wuchs, konnten dies die Jugendlichen nur als unerträgliche Unterdrückung empfinden. Dies umso mehr, als ihnen dank Fernsehen und Internet durchaus bewusst war, wie viel freier und besser das Leben der europäischen Nachbarn verlief. Für die arabische Internetgeneration waren die Widersprüche zwischen den korrupten Machthabern und der Massenarmut unhaltbar geworden.

Was wir also sehen ist vor allem eine Befreiungs- und erst danach eine beginnende Demokratiebewegung. Von den komplexen Voraussetzungen einer Demokratie konnten die Aufständischen bisher gar keine präzisen Vorstellungen haben. Daher wird der Beobachter zu Skepsis neigen, ob am Ende tatsächlich eine Demokratie westlichen Musters stehen wird.

Eine „Revolution“ ist es in jedem Fall. Denn eine Revolution zielt, wie Hannah Arendt 1974 geschrieben hat, auf die „Gründung der Freiheit“ selbst.

Schon der fundamentale Wandel von 1989/90 hat gezeigt, dass freiheitliche Revolutionen möglich sind, ohne dass die Welt in unbeherrschbarem Chaos versinkt.

 

Freiheit ist kein „Virus“

Inzwischen kommt man auf Grund der universalistischen Begründung der Menschenrechte nicht mehr an der Einsicht vorbei, im Notfall humanitäre Interventionen höher anzusetzen als die völkerrechtliche Pflicht zur „Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten“. Die Resolution „Responsibility to protect“, die die UNO-Vollversammlung von 2005 auf Grund der Katastrophen in Bosnien und Ruanda beschloss, ist ein vielversprechender Anfang.

Freiheit ist weder ungefährlich und harmlos noch ein „Virus“, wie wegen des Überspringens des arabischen Aufstands oft unpassend geschrieben wird. „Freiheit bedeutet Verantwortlichkeit; das ist der Grund, weshalb die meisten Menschen sich vor ihr fürchten“, schrieb George Bernard Shaw illusionslos.

Seine Meinung beruht auf einem zu pessimistischen Menschenbild. Freiheit ist das Signum des Menschen über alle Grenzen der Völker und Kulturen, des Alters und der Geschlechter, der Weltanschauungen und Religionen hinweg. Doch es gibt auch eine „innere“ Unterdrückung der Freiheit, nämlich dann, wenn der Mensch die Freiheit als Last und nicht als Chance wahrnimmt.

Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck hat sich sein Leben lang mit der Freiheitsfrage befasst. Wieso kommt es, so fragt er, dass in einem Wertevergleich „Gleichheit/Gerechtigkeit“ bzw. „Freiheit“ auch heute noch in Ostdeutschland die Freiheit immer den Kürzeren zieht?

 

Flucht in Konformität, Ideologie

Es lohnt sich, darüber nachzudenken, wieso Erich Fromm in seinem Buch „Escape from Freedom“ die Furcht vor der Freiheit als eine menschliche Konstante beschreiben konnte, völlig unabhängig von repressiven Herrschaftsformen. Menschen entwickeln verschiedene Techniken, vor der „Last“ der Freiheit zu fliehen.

„Eine der Möglichkeiten ist die Flucht in Konformität, dann die Flucht in die Ideologie“, hat Joachim Gauck einmal dem Verfasser erläutert. „Die Ideologie beantwortet ja deine Fragen, während die Freiheit dir zumutet, diese Fragen grundsätzlich für dich selbst als Individuum zu lösen. Das kann dich mit dem Gefühl unglaublicher Bedeutung erfüllen – du kannst aber auch erschrecken davor. Daher ist es so wichtig, dass schon im vorpolitischen Raum bestimmte Elemente den Einzelnen befähigen, später ein Bürger zu sein. Deshalb schätzen wir eine freiheitliche, offene Gesellschaft.“

Freiheit ist kein Freifahrschein. Es gibt keine absolute Freiheit, sondern nur ein Gleichgewicht zwischen Freiheit und Bindung. Welche Bindung? Wenn man über die arabische Aufstandsbewegung nachdenkt, sollte man wenigstens noch kurz auf diese Dimension hinweisen. Wer frei von Hunger und Not, Unterdrückung und Fremdbestimmung ist, hat ja noch nicht die Bestimmung seiner Freiheit erkannt. „Freiheit von etwas“ ist letztlich nie zu trennen von der Frage „Freiheit wozu?“.

 

Schnell gewonnen, rasch verloren

Freiheit kann so schnell, wie sie gewonnen wird, wieder verloren gehen. Freiheit ist kein Zustand, den man – einmal errungen – besitzt. Freiheit ist ihrem Wesen nach nichts Statisches. Sie ist ein dynamischer Prozess, der das unermüdliche Engagement von Menschen voraussetzt. „Das ist der Weisheit letzter Schluss: / Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben, / Der täglich sie erobern muss“ (Faust 2. Teil).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2011)