CEE 2020: Wie Europa aussehen wird

2020 Europa aussehen wird
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Heute denken wir beim Begriff „Europa“ an: EU-Land ja oder nein, Euro ja oder nein. 2020 ist alles anders.

Vladimir Preveden ist Managing Partner SEE bei Roland Berger Strategy Consultants und Autor der Studie „CEE in 2020: Trends and Perspectives for the new Decade“. 320 Manager aus allen CEE-Ländern wurden gebeten, ihre Einschätzung für die nächsten zehn Jahre der Region abzugeben.

Die Presse: Wie müssen wir uns Europa im Jahr 2020 vorstellen?

Vladimir Preveden: Wir teilen noch immer gedanklich in Westeuropa und Zentral- und Osteuropa. In Zukunft werden wir an ein Europa denken, an eine EU, einen großen Markt, ohne mentale oder strukturelle Aufteilung. Aber natürlich wird es weiter ein West-Ost- und ein Nord-Süd-Gefälle geben.

Wie sieht die EU dann aus?

Sie wird ihre maximale Ausdehnung erreicht haben. Kroatien wird 2013 dazustoßen, innerhalb der nächsten zehn Jahre vermutlich auch Serbien, Montenegro und Makedonien. Das ist es dann.

CEE hat mit der Finanz- und Wirtschaftskrise seine Rolle als Wachstumsmotor verloren. Kann es sie zurückerringen?

Nein, die ist eindeutig verloren. Vor der Krise hatte das CEE-Wachstum globale Signifikanz. Natürlich werden die einzelnen Ökonomien weiter wachsen, jedenfalls mehr als Westeuropa. Aber die Rolle als Weltwirtschaftsmotor hat es an Russland, China, Indien und Brasilien abgegeben. Daher muss es auf neue Produkte und Services setzen, die neues Wachstum generieren.

Die da sind . . .?

Wie überall: grüne Technologien, Energieeffizienz oder ressourcenschonender Produktionseinsatz. Auf diese Themen stürzen sich auch führende Volkswirtschaften wie Deutschland. IT und mobiles Internet sind ebenfalls neu zu besetzen. Und natürlich der Gesundheitssektor.

Welche Länder holen am schnellsten auf?


Wir unterscheiden drei Reifegrade. In der ersten Stufe geht es einfach nur um Mitteleinsatz. Die Ukraine wird auch 2020 noch dort stehen.

In der zweiten Stufe geht es um Effizienzsteigerung. Dorthin wandern Serbien, Bulgarien, Rumänien. Am oberen Ende liegen Kroatien und Polen, die am weitesten entwickelten Volkswirtschaften Osteuropas.

In der dritten Stufe kann Wertschöpfung nur mehr durch Innovation erzielt werden. Dorthin würde sich Ungarn entwickeln, das wegen seiner politischen Schwierigkeiten allerdings jetzt stagniert. Tschechien, Slowenien und die Slowakei weisen bereits jetzt alle Merkmale hoch entwickelter Ökonomien auf: die richtige Denkweise, passende Institutionen, funktionierende Prozesse und internationalisierte Firmen.

Und Österreich?

Österreich wird seine Position als eine der am weitesten entwickelten Volkswirtschaften halten. Das Geschäftsvolumen wird wachsen, natürlich weniger als in den aufstrebenden Ländern. Aber: Der Zuwachs an Arbeitsplätzen fällt deutlich hinter dem an Geschäftsvolumen zurück. Es wird ein „arbeitsplatzloses“ Wachstum sein, weiterhin getrieben von Cost Cutting und Effizienzsteigerung.

Innerhalb der CEE Region: Wohin gehen die Talente?

Der Brain Drain ist ein massives Problem für CEE. Einerseits ziehen junge und talentierte Leute fort. Andererseits werden auch arrivierte Manager und High Performer zunehmend mobil. Österreich kann davon profitieren, wenn es schafft, sich als Zuwanderungsland für den Westen und für den Osten zu profilieren. Wer nahe an Wien ist, kommt gern. Andererseits wird es für heimische Unternehmen, die in CEE tätig sind, schwieriger, vor Ort gute Leute zu binden. Die werden noch teurer.
Das wird das Lohngefälle ausgleichen.
Das tut es bereits. Slowenien hat schon jetzt dieselben Lohnstückkosten wie Österreich, interessanterweise auch Rumänien. Dort sind zwar die Lohnkosten extrem niedrig, aber auch die Produktivität. Die Slowakei und Polen sind noch günstig, werden aber aufholen. 

Lohnt es sich noch, dorthin zu investieren?

Russland und die Türkei werden sich als bedeutende Investoren hervortun, besonders in den Ländern, die schon nahe dem westeuropäischen Niveau sind. Österreich muss sich in der Region fokussierter aufstellen, um seine Rolle zu halten.

Die entwickelten Volkswirtschaften werden auch selbst Export in ihre Nachbarländer betreiben . . .

. . . die dann nicht mehr von Westeuropa abhängen. CEE definiert sich gerade neu. Denkweise und Strukturen passen sich an. Es wird Gewinner und Verlierer geben – Österreich muss gut aufpassen. Wenn es neue Wertschöpfung generieren will, muss es sich auf innovationsgestützte Entwicklungen fokussieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2011)


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