Er betreibt mit "The Sartorialist" einen der wichtigsten Fotoblogs der Welt: Jetzt kehrt Scott Schumann zurück auf den Kinderspielplatz.
Authentisch und ungeschönt, so wünscht man sich seine Berichterstattung. Außer natürlich in der Mode. Da gibt es in erster Linie perfekt durchinszenierte Fotostrecken zu sehen, oder, das ist dann schon das höchste der Gefühle in puncto Lebensnähe, ranke, schön gewandete Leiber auf Laufstegen. Dabei besteht offenbar durchaus der Wunsch nach anderem: Das legt jedenfalls der Erfolg diverser Streetstyle-Fotoblogs nahe, die im Internet aus dem Boden schießen wie die Schwammerln im regennassen Wald. Mutterschiff der gängigen Formate ist die Seite „The Sartorialist“ von Scott Schuman: Hier wird seit Ende 2006 ein modeaffines Publikum aus aller Welt ins rechte Licht gerückt. Zum Zug kommen Models, Redakteurinnen und andere gut angezogene Leute, die Herrn Schumann vor den Austragungsorten von Modeschauen oder sonstwo in den „Fashion Capitals“ der Welt vor die Linse geraten.
Bitte nicht posieren! Vor Kurzem ist Scott Schumann nun zu seinen (fotografischen) Wurzeln zurückgekehrt, die sprießen nämlich im Bleecker Street Park in New York City. Dort vertrieb er sich als vorbildlicher „Stay-at-home-Daddy“ einst die Zeit mit seinen beiden Töchtern und kam auf den Schnappschuss-Geschmack, als er ihnen beim Spielen in der Sandkiste zuschaute. Für die Kosmetikmarke Kiehl’s ist so eine ganze Serie von Papa-mit-Kind-Bildern entstanden. Freilich ganz ohne Kamerlächeln und Styling. „Der Schlüssel liegt darin, Kinder nicht posieren zu lassen“, so Schumann. Die Auswahl der Protagonisten erfolgte ausnahmsweise nicht nach modischen Kriterien. „Es ging mir vielmehr darum, die Zärtlichkeit ins Bild zu rücken und das starke emotionale Band zwischen Vater und Kind zu zeigen.“
Der Augenblick zählt. 15 Jahre arbeitete Schumann im Modebusiness. Dann startete der Amerikaner seinen Blog, um, wie er meint, die Lücke zu schließen zwischen der perfekten Ästhetik von Magazinen und dem, was man an individuellem Kleidungsstil auf der Straße (wohlgemerkt der New Yorker Straße, die ist natürlich ein Fall für sich) zu sehen bekommt. Aus dem Herumgeknipse wurde schnell ein neuer Beruf, denn die Zugriffszahlen überschlugen sich und der „Sartorialist“ wurde von Magazinen gebucht. Auf die Frage, was ein interessantes Motiv ausmache, antwortet Schumann: „Mehr als ein bestimmter Look interessiert mich der Moment, in dem das Bild entsteht.“ Da denkt man natürlich gleich an den legendären Henri Cartier-Bresson, Fotograf und Mitbegründer der Agentur Magnum, der ebenfalls das Abwarten eines „instant décisif“, des entscheidenden Augenblicks, empfahl, ehe man auf den Auslöser drückt. Mit so viel kunsthistorisch wertvollem Konzept im Gepäck reüssiert denn auch Scott Schumann, und die von ihm Abgelichteten erfreuen sich eines gesteigerten Bekanntheitsgrades. Wenigstens, wenn sie oft genug vorkommen. „Ich bin nicht darauf aus, so und so viele Bilder von jemandem einzuheimsen“, beteuert Schumann aber. „Ich warte einfach so lange, bis ich eine Aufnahme machen kann, die mir selbst gefällt. Dass ich manche Leute öfter fotografiere als andere, ist Zufall.“ Dass man manch fein herausgeputzte Moderedakteurin auffällig lang in der Nähe des „Sartorialist“ im Sand der Tuilerien tänzeln gesehen haben will, ist also bestimmt Einbildung. Oder üble Nachrede.
Am Spielplatz konnte so etwas jedenfalls nicht passieren. „Kinder sind einfach sie selbst, da gelingt ein Bild am besten.“ Die gekünstelte Modewelt kann sich da freilich noch ein Stück abschneiden. Und der „Sartorialist“ tut sein Bestes, um ihr auf die Sprünge zu helfen.