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Über die religiöse Verbuntung Österreichs

Die Langzeitstudie zur Religion in Österreich von 1970 bis 2010 zeigt: Aus einer nachreformatorischen katholischen Monokultur ist eine moderne Kultur mit vielen „Feldern“ geworden.

Lange Zeit konnte man in Österreich nur Katholik sein. Es war soziokulturell einfach selbstverständlich, zur Kirche zu gehören, am Gottesdienst teilzunehmen, die Feste der Kirche zu feiern, zu den Lebenswenden die Rituale der Kirche zu erbitten. Sowohl „Zwang“ wie Selbstverständlichkeit sind vorbei. Die Menschen sind jetzt wählerisch, sie kommen und sie gehen, treten ein und aus, nehmen sich aus dem Kosmos der Kirchen Teile heraus, andere lassen sie beiseite.

Die Riten kommen nach wie vor gut an, die Moral weniger; das Erleben mehr, die Lehren weniger. Und wenn es Störfälle gibt (wie unliebsame Personalentscheidungen, Missbrauchsskandal), ist ein Austritt in manchen Kreisen geradezu chic geworden.

 

Verharren im „Austrittsstandby“

Nachteile für sich und Kinder befürchten nur wenige. 2010 waren es 89.373 Personen, die der katholischen Kirche ihre Mitgliedschaft aufgekündigt haben. Nur 1939 waren es mit 103.710 noch mehr. Und nicht wenige – bei den Protestanten weit mehr – verharren im unentschlossenen „Austrittsstandby“.

Beim Liefern von Irritationen ist die katholische Kirche derzeit keineswegs knausrig. Selbst Wohlwollende orten einen klerikalen Machtwahn, einen das „heilige“ Selbstbild und die idealisierte Moral durchziehenden Reinheitswahn sowie nicht zuletzt einen vor allem moderne Frauen diskriminierenden Männlichkeitswahn.

Um diesen Multiwahn herum kreisen die im Kirchenvolksbegehren verdichteten Kirchenleiden eines beträchtlichen Teils der Kirchenmitglieder. Gerade junge Menschen meiden sie als sexualneurotisch, frauenfeindlich, undemokratisch, vormodern, mega-out.

Allerdings sind die Irritationen keineswegs der entscheidende Grund, dass jemand geht. Zum Austritt führen, so ein zentrales Ergebnis unserer neuen Studie, Irritationen (Störungen) erst, wenn sie nicht mehr durch Bindungskräfte (Gratifikationen) aufgefangen werden.

Die Hauptgratifikation aber ist, ob die Kirche und ihre Botschaft für das Leben in moderner Zeit eine Hilfe darstellt oder nicht. Für die redlichen Teile der Kirche ist es dabei bedrückend zu erleben, dass sich die Wahrnehmung der Kirche bei vielen Menschen im Land weniger auf das Evangelium, auf die Hoffnung über den Tod hinaus und auf einen Gott des Erbarmens richtet. Im Vordergrund steht schon seit der Indienstnahme der Kirche durch den josephinischen Staat die Erziehung des Volkes zu Anstand und Gehorsam – und, weil diese kulturell auch nicht mehr so gefragt sind: zu einer Moral rund um Abtreibung, Euthanasie und Sexualmoral.

 

Aufbau von Spannungen

Eine Hauptfolge der neuen Beweglichkeit in religiösen und kirchlichen Belangen ist eine wachsende religiöse Verbuntung. Aus einer nachreformatorischen katholischen Monokultur ist eine moderne Kultur mit vielen „Feldern“ geworden. Dazu gehört ein überschaubares atheistisches Feld. Sein Anteil liegt bei zwölf Prozent mit überdurchschnittlichen Werten in Tirol und Vorarlberg, wo Atheismus über Arbeitskräfte zuwandert. Ihm folgt ein schon größeres „atheisierendes Feld“. In diesem wird Gott nicht mit starker Kraft „weggeglaubt“, vielmehr herrscht eine Art lebenspraktischer „Atheismus light“ (Günter Kehrer).

Weitere Felder sind ein in sich noch buntes, spirituelles Feld, ein muslimischen Feld und ein (inner-)konfessionell ausdifferenziertes christlich-kirchliches Feld. Eingestreut sind asiatische Weisheiten, wobei der leidmindernden Ethik des Buddhismus große Sympathie entgegengebracht wird – mit oder anstatt des Christentums.

Diese vielfältigen Felder liegen nicht nur friedlich nebeneinander. Es bauen sich zwischen ihnen beträchtliche Spannungen auf. Beachtlich ist der hohe Anteil „kämpferischer Kulturchristen“, zu denen mehr als 40 Prozent der Menschen im Land zu zählen sind. Sie halten das Christentum für das Fundament Europas, wünschen daher auch Religionsunterricht und Kindertaufe, verlangen von den Kirchen, dass sie mehr gegen das Eindringen des Islam in den christlichen Kontinent Europa tun.

Den Islam, der selbst wiederum – so die Studie – unter massivem Modernisierungsstress steht, halten sie für in sich gewalttätig und mit moderner Demokratie unvereinbar. Kämpferische Kulturchristen finden sich mehr bei BZÖ und FPÖ, am wenigsten bei den Grünen (obgleich auch hier nicht wenige sind). In ÖVP und SPÖ sind sie durchschnittlich oft anzutreffen.

 

Islamophobe Kulturchristen

Es fällt auf, dass diese Kulturchristen den Islam von innen her nicht kennen. Und weil er ihnen fremd ist, kann sich eher eine von Stereotypen gespeiste Islamophobie ausbilden, welche dann populistisch bewirtschaftet wird.

Hier zeigt sich, dass Religion heute längst nicht mehr Privatsache ist. Die Zukunft der modernen Gesellschaft wird nicht die Säkularisierung sein: Religion ist zurück auf der politischen Bühne und kann dort ebenso Unheil anstellen wie Solidarität, Freiheit und Sinn stiften. Das ist ein Grund dafür, dass der säkulare Staat zusammen mit den Religionsgesellschaften alles Erdenkliche tun muss, um die Bildung in religiös/weltanschaulichen wie damit unlösbar zusammenhängend (sozial-)ethischen Fragen zu forcieren.

Die christlichen Kirchen sind gefordert, eine stimmige Sozialgestalt, Sprache und eine Arbeitsweise zu entwickeln, mit der sie das Evangelium in die heutige (moderne!) Zeit einweben können. Dabei geht es auch und vor allem um die kommende Generation.

Es ist aussichtslos, wenn sie – wie manche es gern hätten – die beklagte Krise „durchtauchen“ und hoffen, dass danach alles so weitergehen kann wie zuvor. Noch weniger hilft ein Retrokurs, gar zurück vor das Zweite Vatikanische Konzil.

 

„Gott und den Menschen nahe“

Die Herausforderungen der Kirchen werden aber nicht durch Strukturreformen allein behoben, auch nicht allein durch den Abbau jener Irritationen, unter denen so viele Katholiken leiden. Entscheidend wird sein, ob die Kirchen glaubwürdig und transparent werden für das Evangelium als eine Weisung zu einem Leben in Würde, Selbstachtung, verantworteter Freiheit und solidarischer Liebe.

Wer seelsorglichen Rat sucht, soll solchen bei kompetenten Kirchen finden. Wenn die Menschen (katholische) „Kirche“ sagen, sollten ihnen nicht missbrauchte Kinder, diskriminierte Frauen, eine verklemmte Sexualmoral und ein dumpfer Klerikalismus einfallen. Für eine „Gott und den Menschen nahe Kirche“ aber werden die Menschen wieder lieber einen finanziellen Beitrag leisten – und was wichtiger ist: dazugehören und sich auch engagieren.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Person

Paul M. Zulehner (*20.12.1939 in Wien) ist katholischer Priester und em. Universitätsprofessor für Pastoraltheologie. Er gehört zu den anerkanntesten Religionssoziologen Europas.

Soeben ist seine Langzeitstudie „Religion im Leben der ÖsterreicherInnen 1970–2010“ erschienen. Die Erhebungen für diese Studie führte GfK Austria durch, finanziert wurde sie vom Wissenschaftsministerium. [M. Bruckberger]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.06.2011)