Vorerst sind einmal die Deutschen schuld

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Symbolbild(c) APA/HELMUT FOHRINGER (HELMUT FOHRINGER)
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Von der Angst vor Dr. Brinkmann und den Gurken.

Es hätte eine gute Woche werden können. Patrick Dempsey praktizierte verlässlich als McDreamy am Seattle Grace, und die Gurke war an allem schuld. Die Welt hatte einen schönen Serienarzt und ein kollektives Feindbild. (Ein skurriles zwar, aber eines, das man einfach meiden oder bekämpfen konnte.) Dann war plötzlich alles anders. McDreamy quittierte, vermutlich aus Angst vor dem Dr.-Brinkmann-Effekt, seinen Dienst als Fernseharzt. Und die Gurke verlor den Status „Todesgemüse“ wieder. Theoretisch. Praktisch zeigt sich, dass es der Gurke nicht viel besser geht als den außergewöhnlich vielen, außergewöhnlich prominenten Männern, die derzeit mit diversen Sexaffären in den Schlagzeilen sind: Egal, ob schuldig oder nicht, irgendetwas bleibt immer hängen.

Und jetzt sucht die Welt wieder. Einen adäquaten neuen TV-Arzt und den eigentlichen EHEC-Schuldigen, beides ist nicht in Sicht. Zumindest in der EHEC-Sache sind in der Meinung vieler vorerst die Deutschen die Bösen. Bei den spanischen Bauern etwa wegen des falschen Gurkenalarms, hierzulande wegen des gestrigen Länderspiels Österreich – Deutschland. Und ganz allgemein wegen der EHEC-Infektionen, die in Deutschland ihren Ausgang genommen haben. Plötzlich bekommt die Anker-Verkäuferin mit norddeutschem Akzent, der man sonst gern bei ihrer bemüht-wienerischen Aussprache zuhört („Kipfarl“), besorgte Blicke. Auch ein heimischer Radiosender versucht sich in Panikmache. „Fassen Sie keine Deutschen an, und waschen Sie sich die Hände“, riet dort ein Experte. Bleiben noch zwei offene Fragen: Warum gilt die Unschuldsvermutung eigentlich nicht auch für Gurken und Deutsche? Und was, Mr. Dempsey, ist so schlimm an Dr. Brinkmann?

E-Mails an: mirjam.marits@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.06.2011)

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