Warum der Summertime Blues an den Börsen heuer besonders melancholisch ausfällt und BMW bald kräftig Gas geben wird. Wer einen "Zock" riskieren will, könnte sich die Aktie des Solarzulieferers Roth+Rau ansehen.
Die US-Börsen haben die fünfte Woche mit Kursverlusten hinter sich gebracht – DAX und ATX stehen dem kaum nach: Der übliche Summertime Blues bricht über die Börsen heuer mit ungewohnter Wucht herein. Das hat Gründe: Die Wirtschaftsdaten enttäuschen die Börsianer immer öfter, und die Schuldenkrise dies- und jenseits des Atlantiks tut ein Übriges, um die Stimmung nicht allzu stark steigen zu lassen.
Von den Fundamentals her sieht es also eher trüb aus. Es scheint, als wären die Kurse im Überschwang der Börseerholung deutlich übers Ziel geschossen und im Schnitt überbewertet. Es ist also nicht die Frage, ob die Kurse steigen oder fallen, sondern, ob sie im Sommer seitwärtsgerichtet leicht abrutschen oder kräftig zurückgehen. Von der Charttechnik her gibt es leider keine Entlastung: Der Weltleitindex Dow Jones, der zwischenzeitlich bei einem Ausbruchsversuch gescheitert war, ist unter die Trendlinie gerutscht. Das deutet auf weitere Verluste hin. Auch der marktbreitere S&P 500 sieht nicht besser aus.
Von amerikanischen Aktien würde ich in nächster Zeit eher die Finger lassen. Zumal die US-Notenbank Fed ein paar Mal signalisiert hat, dass sie keinen starken Dollar will. Der Euro wird gegen den Dollar in nächster Zeit wohl wieder aufwerten, womit heimischen Anlegern bei US-Aktien noch saftige Währungsverluste winken. Das sieht nicht nach Geschäft aus.
Die Börsianerdevise lautet also wohl: „Bleibe im Lande und nähre dich redlich.“ Was allerdings nicht ganz einfach ist, denn der ATX will heuer nicht so recht in die Gänge kommen und ist performancemäßig deutlich hinter den DAX zurückgefallen. Wer Anlagemöglichkeiten sucht, ist derzeit noch am besten in Frankfurt aufgehoben. Charttechnisch sieht der DAX auch relativ gut aus, wobei die Betonung auf „relativ“ liegt. Der deutsche Leitindex liegt noch komfortabel in seinem seit zwei Jahren bestehenden Aufwärtstrendkanal, kurzfristig ist auch hier bestenfalls Seitwärtsbewegung angesagt.
Gewitzte Privatanleger machen jetzt also keine Pläne für große Neuengagements, sondern sehen sich in Ruhe ihre Depots an. Es besteht kein Grund für Verkaufspanik, aber da oder dort Gewinne mitzunehmen und ein bisschen Cash zu horten ist über den Sommer keine schlechte Idee. „Summertime Blues“ heißt natürlich nicht, dass man sich von der Börse ganz fernhalten muss. Es gibt durchaus die eine oder andere Perle, die jetzt vergleichsweise günstig zu haben ist.
Dazu zählen immer mehr Analysten den Autohersteller BMW(ISIN DE0005190003). Goldman Sachs hat die Bayern etwa auf seine „Conviction Buy“-Liste gesetzt und ein Kursziel von 120(!) Euro ausgegeben. Das Papier notiert derzeit bei 60,29, das Potenzial liegt demnach auf Jahressicht bei knapp 100 Prozent. Nicht schlecht in Zeiten wie diesen. Die Begründung klingt logisch: Die Margenerwartungen für den Autokonzern seien zu niedrig angesetzt, die Analysten würden bald gezwungen sein, ihre Einschätzung nach oben zu revidieren. Ein Anlass wären die Zweitquartalsergebnisse.
Vielversprechend sieht auch Siemens(ISIN DE00077236101) aus. Die Elektroaktie hat zwar bei Weitem nicht das Mittelfristpotenzial von BMW, ist momentan aber recht günstig bewertet. Die Schweizer Großbank UBS hält Siemens jedenfalls für einen Kauf.
Wer einen „Zock“ riskieren will, könnte sich die Aktie des Solarzulieferers Roth+Rau(ISIN DE000A0JCZ51) ansehen. Für diese liegt ein Übernahmeangebot zu 22 Euro je Aktie vor, das Großaktionären nicht recht schmecken will. Sie fordern eine substanzielle Erhöhung, die sie auch bekommen könnten. Allerdings ist das nicht sicher. Wenn es nicht klappt, ist der Verlust vorprogrammiert, denn das Papier liegt mit 22,9 Euro deutlich über dem Übernahmeangebot. Das ist also nur etwas für „Spieler“ – mit begrenztem Einsatz.
Vorsicht würde ich jenen neuerdings häufiger auftauchenden Empfehlungen entgegenbringen, die zum Kauf der vom deutschen Atomausstieg schwer gebeutelten Versorger RWE(ISIN DE0007037129) und E.ON(ISIN DE000ENAG999) raten. Es stimmt, dass die Konzerne nach den schweren Kursverlusten sehr tief (manche sagen: zu tief) bewertet sind. Es stimmt aber auch, dass auf die Unternehmen noch schwere Zeiten und hohe Kosten für den Kernkraftausstieg zukommen. Potenzial besteht nur, wenn sie sich gerichtlich gegen die deutsche Regierung (bei der Brennelementesteuer) durchsetzen. Darauf würde ich nicht wetten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2011)