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Jemen: Verletzter Präsident in saudischer Klinik

(c) EPA (YAHYA ARHAB)
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Der bei einem Angriff verletzte Präsident Saleh wurde Sonntag in Saudi-Arabien operiert. Seine Rückkehr ist unwahrscheinlich. Erlebt das Land einen weiteren Arabischen Frühling oder bricht Chaos aus?

Seit Monaten hatten die Jemeniten versucht, ihn loszuwerden: Erst durch friedliche Demos wie in Ägypten und Tunesien, dann durch Vermittlung des Golfkooperationsrats, in der die Modalitäten seines Abgangs fixiert werden sollten. Nun hat Präsident Abdullah Saleh in der Nacht auf Sonntag das Land verlassen – unfreiwillig, nachdem er bei einem Angriff auf seinen Palast am Freitag verletzt worden war. In einem saudischen Militärspital wird er wegen Verbrennungen und Verletzungen am Oberkörper behandelt; am Sonntag wurde ein Granatsplitter aus dem Brustkorb operiert - am Montag kam die Meldung, dass Saleh wohlauf sei.

Unklar ist, ob er zurückkehren wird. Seitens der Regierungspartei heißt es, das werde binnen weniger Tage geschehen. Dass ein jemenitisch-deutsches Ärzteteam ihm aber riet, sich im Ausland behandeln zu lassen, spricht eher dafür, dass seine Verletzungen langwieriger Natur sind. Die Frage ist auch, ob ihn Saudi-Arabien zurücklässt, denn dort ist man ungehalten über die Krise im Nachbarland – wo am Sonntag in mehreren Städten Zehntausende Salehs vermutlichen Abgang feierten, während es gleichzeitig unübersichtliche Kämpfe zwischen Stämmen, Banden, Regierungstruppen und revoltierenden Einheiten gab.

 

Ein Land wie ein Fragezeichen

Salehs Karriere dürfte nach 33 Jahren Herrschaft über das Land im Süden der Arabischen Halbinsel beendet sein. In weiser Voraussicht ist ein Teil seiner Familie mit ihm ausgereist. Wie geht es mit dem Jemen weiter? Wer wird das Vakuum füllen? Der verbliebene Rest von Salehs Familie, der die Sicherheitsapparate und Präsidentengarde kontrolliert? Die Stammesführer der al-Ahmars, mit denen Saleh vorige Woche einen Krieg begonnen hatte? Oder die Revolutionäre, die von Demokratie träumen und dafür seit Monaten friedlich demonstrieren? Oder kommt das Chaos, weil keiner der drei das Heft an sich reißen kann? Und wie verhält sich Saudi-Arabien, die graue Eminenz der jemenitischen Politik? Jetzt ist der Jemen ein einziges großes Fragezeichen.

Saleh hatte sich trotz aller Proteste und Verhandlungsangebote stur gestellt. Und es geschafft, den friedlichen Revolutionären einen bewaffneten Kampf aufzuzwingen, sagt Ibrahim Abdel Aziz al-Jahmi, oppositioneller jemenitischer Diplomat in Kairo. Saleh habe so den Gang der Revolution ändern wollen, glaubt er: „Im Jemen gibt es vermutlich 60Millionen private Schusswaffen. Wäre Salehs Strategie erfolgreich gewesen, Jemen hätte einen langen Bürgerkrieg, länger als der in Somalia.“

 

Die Drohung mit dem Chaos

Saleh habe es schlau angestellt: Statt die Revolutionäre auf einem der Hauptplätze in Sanaa zu beschießen, wo sie ein Zeltlager gebaut hatten, ließ er seine Truppen die Häuser der Führer der al-Ahmars, des größten Clans, angreifen. Der hatte sich den Revolutionären angeschlossen. Ein Stammesführer mit seiner Privatarmee kann das aber aus Gründen der Ehre nicht durchgehen lassen, und so begann die militärische Fehde. Saleh, erklärt al-Jahmi, habe nicht wie Mubarak in Ägypten einfach vor Gericht gestellt werden wollen. „Seine Botschaft ist: Wenn er geht, wird das Land im Stammes-Chaos enden.“ Doch eines hatte Saleh nicht bedacht: dass es ihn erwischen könnte. Man glaubt, dass die al-Ahmars hinter dem Beschuss des Präsidentenpalastes stecken.

Nun hat Vizepräsident Abd-Rabbu Mansour Hadi die Amtsgeschäfte und den Oberbefehl über die Armee inne. De facto werden aber die Stammesführer, speziell die al-Ahmars, sowie die Generäle, die Saleh den Rücken gekehrt haben, dazu die Islamisten und Jugendlichen auf dem Universitätsplatz aushandeln, wie es weitergeht. Salehs Familie dürfte, obwohl sie die Präsidentengarde hat, nichts mehr zu sagen haben.

Ob sich diese Gruppen auf eine Lösung einigen, ist ungewiss. Die demokratischen Revolutionäre haben sich schon beschwert, dass ihr Kampf durch Stammesfehden vereitelt werden könnte. Die Clans und ihre Führer mit ihren Privatarmeen stellen keine Garanten eines friedlichen Übergangs dar.

 

Saudisches Königshaus in Angst

Das saudische Königshaus, der Strippenzieher im Jemen, ist hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch nach Stabilität im Jemen beziehungsweise der Angst vor einem „failed state“ und dem geringen Interesse an einer weiteren erfolgreichen arabischen Revolution. Schließlich hat man Angst, selbst Opfer des Arabischen Frühlings zu werden.

Zur Person

Ali Abdullah Saleh (geboren im Jahr 1942 oder 1946 in Bait al-Ahmar, Nordjemen) war Offizier und ab 1978 Präsident Nord-Jemens. Mit dessen Fusion mit dem sozialistischen Südjemen wurde er 1990 Präsident der geeinten Republik Jemen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 6. Juni 2011)